Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum23. Oktober 2014 KategorieKategorieAllgemein

Die Frau mit dem Messer

“Die Frau will uns töten. Sie hat gerufen, sie töte mich.” Das Mädchen schluchzt, sie schreit: “Ich habe Angst. Ich will nach Hause.”

Das war nach der Vormittagspause. Aus dem Fenster des Lehrerzimmers habe ich die Gruppe Mädchen gesehen, wie sie plötzlich über den Rasen gerannt sind und da wusste ich: Da kommt etwas auf mich zu.

Es sind vier oder fünf Mädchen, die die Treppe hochstürmen, alle reden durcheinander. Ich höre nur die Worte: Messer, Blut, eine weisse Maske und Tod.

Nach und nach beruhigen sie sich, ich bringe sie ins Schulzimmer und zur Klassenlehrerin. Ich höre zuerst einmal nur zu: Silvana wollte einen Apfel in den Abfalleimer hinter dem Zaun werfen, nicht getroffen und ist darum über den Zaun geklettert, um ihn zu holen. Da hat sich die Türe des Hauses geöffnet und eine Frau mit einem Messer sei aus dem Haus gekommen. “Ich töte dich, ” habe sie geschrieen. Blut sei im Gesicht gewesen, ein anderes Mädchen sprach von einer weissen Maske. Und alle seien weggesprungen.

Was soll ich tun? Die Aufregung, die Tränen und das Schluchzen – die Angst der Mädchen ist zweifelsohne echt. Ich schaue aus dem Fenster, hinter dem Zaun steht hinter zwei drei Bäumen ein Haus, die Balken hängen in den Angeln, Fenster sind zerbrochen, die Fassade abgeblättert. Ich höre das Haus vor sich hin seufzen. Und wenn da nun wirklich etwas geschehen ist? Einfach so aus der Luft heraus erfinden auch die Mädchen doch nicht Messer und Blut?

Ich müsste noch einen Unterrichtsbesuch machen und eine Beurteilung schreiben. Doch die Sache geht mir nicht aus dem Kopf, so gehe ich zum Haus hin. Es ist von Bäumen umgeben, ein zerfallene Treppe führt zu einer Türe. Will ich da wirklich hinein? Und was sage ich, wenn jemand tatsächlich Zuhause ist? Entschuldigen Sie, die Kinder haben sie gesehen,  mit dem Messer und mit Blut im Gesicht?

Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit. Weit und breit niemand. Immer geht mir durch den Kopf: Und wenn nun wirklich etwas geschehen ist? Alleine will ich da nicht hinein. Ich frage am besten bei der Polizei nach.
Der Streifenwagen ist innert Minuten da. Die Polizistin hört mir zu. Dann: “Ich würde gerne zuerst mit den Mädchen sprechen, damit wir uns ein Bild machen können.”
Sie muss meinen Gesichtsausdruck gesehen haben. Oh nein, dachte ich nämlich, genau das nicht. Nicht eine grosse Geschichte mit Polizei im Haus.
Darum doppelt sie nach: “Wenn jemand da ist, was sollen wir sagen? Sie, haben sie die Kinder bedroht und ein Messer in der Hand gehabt?”

Was soll ich anderes, ich hole die Mädchen. Im Werkraum sind wir ungestört. Und da beginnt es:
“Also das mit dem Messer hat die Salome erfunden.”
“Und das mit dem Blut auch.”
“Aber ein Frau war da, ich habe es gesehen.”
“Also ich habe niemanden gesehen, nur wie du geschrieen hast und dann bin ich mit dir davongerannt.”
“Und die Frau hatte eine weisse Maske an.”

Die Polizistin und ich schauen uns nur an und rollen mit den Augen. Als die Polizei nachher das Haus untersuchte, war niemand da.

 

DatumDatum20. Oktober 2014 KategorieKategorieAllgemein

Die letzten Tage im Herbst

Zu meinen Füssen breitet sich das Tal aus. Wie ein Teppich in einem Spielzimmer: Ein Fluss, tiefblau; Ackerflächen, grüngelb, bereit zum Ernten; Felsen, die aus dem Boden wachsen; Strassen wie Schnüre; Häuser, verstreut.

Ich schreite durch das nasse Grass, die Sonne steht noch nicht hoch. Durch die offene Tür der Hütte höre ich das Wasser kochen, gleich werde ich einen Nescafe trinken, dazu das harte Brot von Vorgestern, es hat noch Käse auf dem Fenstersims und Salsiz.

Heute zersäge ich die letzte Tannen, Holz hacken, die Sense versorgen, um die Hütte herum aufräumen, alles abschliessen.

Im Radio haben sie schlechtes Wetter angesagt, diesmal stimmt es sogar, das merke ich am leichten Luft, der mich frieren macht und an den Schleierwolken am Himmel. Schnee bis 800 m, kalt werde es und der Winter künde sich an.

Ich setze mich mit dem Rücken an die Holzwand und schliesse die Augen. Tief atme ich ein, es riecht nach frisch aufgewühlter Erde, nach Holz in der Sonne, ich habe Zeit, kein Computer wartet, eine Uhr habe ich nicht, auch kein Handy oder eine Agenda. Es ist der letzte Tag hier oben. Morgen, morgen bin ich wieder unten im Tal und morgen ist alles wieder anders.

DatumDatum4. September 2014 KategorieKategorieAllgemein

Was ich weiss und nicht wissen will

Es ist schon so, dass ich am Morgen die Welt nur verschwommen sehe. Ein Kaffee und ich erkenne wenigstens die Apps, die ich drücken muss, um die neusten Nachrichten zu lesen. Wobei, gerade bevor ich da den Tagi-App drücke, blinkt die Schlagzeile oben am Bildschirm. Das muss ich lesen, ob ich will oder nicht: Wawrinka verliert gegen Nashihori (oder ähnlich – sie wissen, es ist noch dunkel draussen). Dann dreht der Balken, eine neue Schlagzeile: Russland marschiert in die Ukraine ein.
Der Kaffee dampft, das Licht flackert, ich stehe noch, das iPad in der Hand. Schaue nochmals die Schlagzeilen an.
Dann endlich setze ich mich, stelle den Kaffee vorsichtig auf den Tisch und will mehr wissen, was mit Russland und dem angekündigten Einmarsch los ist. Das App öffnet sich, die grossen Lettern springen mich an, ein Bild von einem verzweifelten Gesicht. Wawrinka in betender Position, die Mundwinkel nach unten, die Augen weit aufgerissen, als könne er es nicht glauben.

Ich denke: Hat er gerade erfahren, dass Russland in die Ukraine einmarschiert ist?

Im Hintergrund sieht man die Coaching Box (das heisst doch so?) mit seinem Trainer, der die Hände vor das Gesicht geschlagen hat, ein anderer schaut auf die Seite, als könne er dem verzweifelten Tennisstar nicht mehr zusehen.

Ja, es muss ein Ereignis von grosser Tragweite sein. Etwas, das im Minimum Europa in den Grundfesten erschüttert und prägen wird. Vielleicht der Anfang von etwas Grossem, Schrecklichem. Vielleicht ist auch, dass Wawrinka gerade mitbekommen hat, dass Brad Pitt und Angelina Jolie geheiratet haben oder Christa Rigozzi im falschen Kleid moderiert hat oder was ich sonst noch erfahre, ob ich will oder nicht.
Ich nehme einen Schluck Kaffee, er brennt auf der Zunge, bitter heute Morgen, wahrscheinlich wieder die Milch vergessen. Werde ich später einmal als Grossvater meinen Enkeln erzählen, dass ich mir an diesem geschichtsträchtigen Tag die Lippen verbrannt habe? Ich scrolle weiter nach unten, lese den Artikel zum Bild. Wawrinka hat nur ein Spiel verloren, irgendwo in den USA.
Und was ist mit Russland und der Ukraine?
Da findet sich ein kleiner Artikel ohne Bild, dass die Russen die Grenze der Ostukraine überschritten hätten und nun mit zwei Divisionen Richtung Kiew marschieren würden.

DatumDatum13. Mai 2014 KategorieKategorieAllgemein

Zen selbstgemacht

Letzthin wischte ich das Kies von der Strasse auf unseren Parkplatz. Da bemerkte ich, dass der Kiesparkplatz uneben war. Im Keller holte ich den Eisenrechen, und begann den Platz auszugleichen. Ruhig zog ich den Rechen über das Kies, versuchte die Hügel abzutragen, beugte mich vor, um zu sehen, ob es nun schön flach war. Da, auf der Seite, mit dem Rechen sanft darüberstreichen, die Kieselsteine drehen sich so, wie ich es will. Immer mehr und mit grossen Bögen streiche ich den Platz glatt, es gibt Rillen, dann beginne ich Höhenkurven in den Kies zu drücken. Wenn ich genauer hinschaue, erinnert mich der Rand des Kiesplatzes, dort, wo er in eine Mauer hinübergeht, an ein Ufer, an Klippen und Felsen. Also versuche ich das Muster in das Kies zu zeichnen. Wie Wellen im Meer, die sich in der Weite verlieren.
Bin ich fertig? Die Dämmerung ist eingebrochen. Die Kieslandschaft wird zur Prärie, dann wird es Nacht.
Ich sitze immer noch auf der Treppe vor dem Haus, starre in die Dunkelheit und sehe Bilder von früher vor mir. Reisebilder, vor langer Zeit:
Ein Holzhaus wie ein Stall, leer, ich sitze auf einer Art Terrasse, die Schuhe ausgezogen. Der Garten besteht aus Kies, nur unterbrochen von grossen Steinbrocken und kleinen Bäumen. Mitten auf dem Kies steht ein Mann, langsam fährt er mit dem Rechen über die Steinchen, er bewegt sich fast nicht und doch steht er bald da und bald dort. Fast geräuschlos, ich sitze da und schaue.

Kyoto 2001