Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum16. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 3

Montag, 16. März 2020.
03.19 Uhr. Bin wach. Ich werde nicht mehr einschlafen. Versuche zu schlucken. Langsam stehe ich auf. Im Bad trinke ich etwas Wasser. Es ist nicht besser. Halsschmerzen. Ich gurgle mit Kamillosan. Im Spiegel sehe ich alt aus. Risikogruppe? Langsam tappe ich zurück ins Schlafzimmer. Da höre ich einen Helikopter. Es ist nicht die Rega. Die erkenne ich an ihrem Rattern. Dieses hier ist ein tiefes Brummen. Fliegt das Militär ein? Wird der Notstand ausgerufen? Alle werden nach Hause geschickt?
05.57 Uhr: Habe ich wirklich geschlafen? Und: die Halsschmerzen? Ich stehe auf. Unter der Dusche wasche ich mir den Schlaf vom Körper, ich gurgle, will keine Halsschmerzen haben. Doch ich kontrolliere mich unbewusst: Husten? Nein. Gliederschmerzen. Ja. Vom Laufen und Kämpfen im Schnee gestern? Kurzatmigkeit: Ja. Das habe ich schon länger.
Auf der Fahrt hat es gleich viel Verkehr wie sonst um diese Zeit. Das sagt jedoch noch wenig aus. Der Parkplatz ist leer. Wird das nun der Alltag sein?
Auf dem Schulareal treffe ich nur den Schulleiter der Oberstufe. Wir halten Abstand. Kurze Besprechung über das weitere Vorgehen. Wie immer: Risikoeinschätzung. Darum Absage aller gemeinsamen Veranstaltungen. Immer das Worst-Case Szenario im Kopf: Ansteckung, weitergeben, krank und im schlimmsten Fall Tod. Der Entscheid ist klar.
Und gleichzeitig vermisse ich den Austausch mit den anderen.
Allein im Büro versuche ich die Mails zu beantworten. Das Schluckweh ist immer noch da. Ich greife mir an die Stirn. Warum schwitze ich? Muss ich mich testen lassen? Mein Hausarzt ist nicht erreichbar. Besetzt. Ich schimpfe mit mir: Unsinnig. Bin ein Hypochonder. Wo sollte ich mich angesteckt haben? Und wenn ich infiziert bin, dann ist die ganze Familie betroffen, die ganze Schule, da habe ich mich doch im Zug festgehalten, war noch im Migros, den Korb in der Hand, das Bargeld, die Cumulus-Karte…Hör auf, hör jetzt sofort auf. Ich muss aufstehen, mich bewegen, treffe den Hauswart, wir grüssen uns, kurz, er erklärt mir, dass er auf die automatische Schulschliessung umgestellt hat. Ich nicke und gehe weiter zur Betreuung. Vier Kinder. Ich versuche, etwas gute Laune zu verbreiten. Doch sie würden lieber in die Schule gehen. Draussen ist warm. Frühling. Ein Tag zum Singen.

DatumDatum15. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 2

Sonntag, 15. März 2020. Der erste Kaffee schmeckt richtig gut. Und alles ist ruhig. Ich bin der erste, der wach ist. Ich weiss, bald tappt der Jüngste die Treppe herunter, dann meine Frau und lange danach, so irgendwann gegen Mittag der Älteste. Wir wollen nach Arosa. Eine Wanderung im Schnee. Ein magerer Ersatz für einen Skitag. Der Virus ist noch nicht bei mir angekommen. Draussen scheint die Sonne, die Spaziergänger wie immer, ein paar Autos. Es ist ein Sonntag wie jeden Sonntag. Die Internetseiten schreiben etwas anderes: Über zweitausend Infizierte, Dunkelziffer ungleich höher und steigend. Habe ich das Gefühl, immun zu sein?
Und als wir losfahren, sind wir alleine auf der Strecke nach Arosa. Dann und wann ein Auto mit einem Nummernschild aus Zürich oder Deutschland. In Arosa selber einige Leute, die auf das Postauto warten. Spaziergänger. Allesamt garantiert in der Risikogruppe. Ist der Virus wirklich da?
Die Skipisten sind leer, nur einige Spaziergänger auf den Winterwanderwegen. Ich frage mich, wie lange noch?
Es ist warm, ich ziehe die Jacke aus. Wir machen eine Pause. Was mir auffällt, alle grüssen oder wechseln ein paar Worte. Auch auf der Prätschlialp: Man darf zu den Leuten sitzen und sofort gibt es nur ein Thema. Die Sonne brennt, die Jungs und ich kämpfen zum Spass im Schnee. Was ich noch nicht weiss: Am Abend kann ich kaum mehr die Arme bewegen und die Oberschenkel schmerzen.
Auf dem Rückweg nehmen wir die Abkürzung durch den Wald, wir tauchen ab im tiefen Schnee, ich rufe: Ohne Risiko keine Freude! Wir rennen bis der eine hüfttief im Schnee steckenbleibt und ich kopfüber. Schnee überall. Das Virus nirgends. Auch nicht auf der Alp Meran, es gibt zwei riesige Meringue mit Rahm und Vanilleglace, Schümlipflümli und alles ist weit weg: Die Schliessung der Schulen, die Absagen für die Schnupperlehren, die Restauranteinschränkungen, alles. Wie lange noch?

DatumDatum14. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 1.

Es ist ein Tag wie jeder andere auch. Samstag, 14. März 2020. Und es ist ein Tag, an dem alles anders ist. Hast du einmal einen Steinrutsch erlebt? Ein Stein, vielleicht nur ein Kiesel, trifft auf einen anderen, die zwei rollen auf andere Steine auf, ein Dutzend Steine in Bewegung und man weiss, jetzt könnte man alles noch aufhalten, noch stoppen. Doch in dem Moment, in dem man dies denkt, sind es Hunderte von Steinen, der Lärm schmerzt in den Ohren, man will wegrennen, denn jetzt ist es ein ganzer Hang voller Steine, es rauscht und rasselt, es knallt und kracht und man kann nichts tun.
So ist es heute. Die ganze Gesellschaft befindet sich in Bewegung und ich weiss nicht, wann es ein Halten gibt.
Ich bin in Chur, die Busse fahren, ich treffe einen Lehrer, er wollte skifahren, jetzt hat er einen Schlitten dabei. Er wisse noch nicht, was ihn nächste Woche erwarte. In der Stadt, die Bibliothek ist voll wie ein Laden bei Ausverkauf. Ein Vater mit seinen Kindern, er könne Home-Office machen, die Tochter muss mit der DVD zum Schalter, sie hätten schon zu viele, sie können nicht mehr mitnehmen. Neben der Bibliothek stehen sie Schlange zum Kaffee. Ich überquere die Strasse, viele Leute wie halt am Samstag, zwei, die sich zur Begrüssung umarmen, ein Handschlag da, ein Küsschen dort, keine Gesichtsmasken. Alles normal.
Wie hat es begonnen? Einige Zeilen in der Zeitung: Ein Virus in China. Ich dachte, das hatten wir schon und wird auch wieder schnell weg sein. Dann kam die Sache ins Rollen. Die ersten Toten, das Schliessen der offenen Märkte, plötzlich eine Stadt abgeriegelt. Und ich war sicher: Weit weg. China. Das kennen wir doch. Und das ist dann bald einmal keine Druckerschwärze mehr wert.
Meine ganz persönliche Arroganz. Die Arroganz der Europäer.
Alles kam ins Rutschen: Italien. Und wer dachte dabei nicht: Ja klar, Italien. Wo denn sonst in Europa?
Wir stehen mitten im Steinschlag: Die Wirtschaft, die Börse, keine Grenzen mehr für das Virus.
Und da stehe ich in der Stadt, alle wissen es und doch, ein Tag wie jeder andere?
Ist es das letzte Mal, hier in der Stadt? Wie sieht es in einer Woche aus?

DatumDatum30. April 2018 KategorieKategorieAllgemein

Skifahren mit Roger Federer

Natürlich hat sich diese Geschichte nie so zugetragen. Sie kann gar nicht geschehen sein, da Spitzensportler nicht Ski fahren dürfen (wegen Verletzungen und so, ausser die Skisportler natürlich).
Also, eine Geschichte mit Roger Federer, die sicher nicht wahr ist.

Es ist eng in der Stube, der Zwillingskinderwagen steht gerade neben dem Esstisch, Roger Federer streicht sich eine Brotschnitte, der Vater von Roger bespricht sich mit jemandem am Telefon. Ich schnappe einige Wortfetzen auf wie Krise, Verlust der Nummer 1, Tenniskarriere am Ende. Niemand nimmt Notiz von mir. Einer der Zwillinge ist gerade erwacht, ich gehe in die Knie, nehme den Plüschaffen und sage: “Guten Morgen, hast du gut geschlafen?”
Roger wirft einen kurzen Blick auf mich und isst weiter.
“Hast du gesehen, wie es geschneit hat?” schwatze ich mit der Stimme des Äffchens weiter. “Alle Bäume sind verschneit, jetzt kommt bald Weihnachten.”
Die Kleine schaut den Affen an, will ihn streicheln, ich tue so, als ob der Affe ein wenig Angst habe vor ihr. Langsam trippelt der Affe wieder zur Kleinen: “Bist du lieb zu mir? Passt du auch gut auf mich auf? Weisst du, ich will nachher auf die Ski!”
Ich überlasse ihr den Affen, stehe auf und frage in die Runde, ob jemand mit mir Ski fahren komme.
Roger schaut mich an, Vater Federer ist immer noch am Telefon, da nickt Roger: “Ich komme mit”, und zu den Kleinen gewandt: “Mami kommt gleich, gell!”
Unten im Keller sagt Roger: “Ich darf natürlich nicht Ski fahren, wegen Verletzungen und so, ich darf nicht in die Kälte, wegen Erkältungen, dies nicht und muss das machen und jenes. Das hängt mir echt zum Hals hinaus.” Dann zu mir: “Kannst du gut fahren? Zeigst du mir ein paar Pisten?” Ich nicke, leihe ihm ein Paar Skier und los geht es.

Es war Zufall, dass ich Roger getroffen habe. Seine ganze Familie machte Ferien im Nachbarhaus bei uns und ich schaute hin und wieder, dass alles in Ordnung ist. So sind wir uns einige Male begegnet, haben ein paar Worte gewechselt. Eine ganz normale Bekanntschaft halt. Und jetzt stehen wir auf den Skiern.
“Du bekommst keinen Ärger, nicht wahr?” will ich mich versichern.
Er zuckt nur mit den Schultern: “Ich lasse es mal drauf ankommen.”
Es ist noch still, die Bergspitzen leuchten, die Sonne ist noch nicht am Himmel. Der Schnee ist federleicht, bei jedem Schwung spritzt er wie eine Fontäne durch die Luft, die Pisten sind griffig. Ich fahre voraus, auf den Wald zu, durch die Verbindungsschneise, rufe nach hinten, dass er es laufen lassen solle, gehe in die Hocke, muss ein wenig stärker auf die Kanten stehen, so dass ich den verschneiten Weg noch erwische, von einem Ast fällt eine Handvoll Schnee, die frische Luft beisst im Gesicht. Ich strecke die Knie durch, ein Schwung zum Skilift hin. Wir fahren mit dem Sessellift hoch. Diesmal fährt Roger voraus, er fährt gut, ein Sportler halt, manchmal lässt er es etwas zu schnell brettern, zum Glück sind noch nicht viele Leute auf der Piste. Er strahlt, als ich ihm sage, dass er gut fahre für jemanden, der nicht Ski fahren dürfe. Wieder fahre ich voraus, die Sonne ist inzwischen über den Bergen aufgegangen, der Schnee glitzert und knistert in der kalten Luft. Bei einer Abzweigung bin ich mir nicht mehr sicher über die Richtung.
“Durch den Wald mit ein paar Jumps?” rufe ich fragend nach hinten. Er nickt, ich weiss nicht, ob er mich verstanden hat und los. Es ist nur eine Spur durch den Wald, ein Riesenslalom zwischen Baumstämmen, das Tempo vorsichtig, ein Auf und Ab, dann eine gerade Anlaufspur, Absprung und hoch in die Luft, Skier kreuzen und landen. Kurze Pause. Wir lachen und klopfen uns auf die Schultern. Weiter.
Ich kenne diese Spur durch den Wald nicht, bin nicht sicher, wo wir wieder herauskommen, weiss auch nicht, ob wir überhaupt noch einen Lift erwischen. Egal. Drauflos.
Die Spur führt aus dem Wald, wir fahren neben einem Sessellift – doch da geht es nicht weiter. Es geht schon weiter, es ist einfach ein Sprung in die Tiefe, sicher fünf Meter in den Pulverschnee. Wir schauen uns an, nach diesem Sprung geht es neben dem Lift weiter bis zur Talstation.
“Komm, ich zeig dir, wie es geht!”
Zwei, drei Skischritte zurück.
“Nicht zu viel Tempo, sich fallen lassen und bei der Landung schön dem Hang entlang gleiten!”
Ich stosse mich ab, nehme gerade etwas Tempo auf, so wie beim Anfahren das Gefühl entsteht, jetzt fahre man, dann hebe ich ab, in freiem Fall in die Tiefe, es reisst mir die Arme hoch, ich rudere, um das Gleichgewicht zu halten, versuche den Oberkörper leicht nach vorne zu bringen, dann lande ich tief im Schnee, alles ist weiss um mich herum, ich weiss nicht, ob ich noch auf den Skiern stehe, es drückt mich in die Hocke, alle Luft wird mir aus den Lungen gepresst, endlich komme ich hoch und mit einem Jubelschrei schwinge ich ab. Ich sehe gerade noch, wie sich Roger mit den Stöcken abstösst, leicht über die Kante springt, es reisst ihn in die Tiefe, er hat etwas Vorlage, dann landet er, verschwindet fast im Pulverschnee und in Siegerpose fährt er auf mich zu.
“Super, das war absolut cool. Habe schon lange nicht mehr so viel Spass gehabt – und Mut gebraucht!” Ich lache, wir fahren weiter zum Lift und zurück ins Haus.

Wenn ich mich recht erinnere, hat er sich danach die Nummer 1 im Tennis zurückerobert. In den Kommentaren wurde geschrieben, er spiele wieder mutiger und probiere auch unvorhersehbare und risikoreiche Schläge aus. Kurz: er habe die Freude am Tennis wiedergefunden.

DatumDatum25. März 2018 KategorieKategorieAllgemein

Bei Google findet man alles

Das WEF erlebe ich jeweils hautnah mit. Die Strassen sind voll, im Zug fast keine Plätze mehr frei. Die Männer mit Anzug und Krawatte und die Frauen mit halblangem Rock und Jupe und alle tragen so einen Badge um den Hals.
Ja.
Und ich stelle mir jedes Mal vor, da kommen sie aus der Wüste, aus dem Regenwald, aus den riesigen Städten, aus allen Ländern und treffen sich in Davos. Was denken diese Leute, wenn sie die Berge sehen, den Schnee, die frische Luft atmen, Wasser aus dem Wasserhahn trinken und Lawinen runterdonnern sehen?
Wie fremd muss ihnen unsere Welt vorkommen.

Unbekannt ist diese Welt auch für uns selber, das erfuhr ich am Abend im Zug. Ich nehme ja immer den Bummelzug, da ich in Haldenstein aussteige. Da hält halt nicht jeder Zug. Bei Landquart leerte sich der Zug und im Wagen, wo ich sass, waren nur noch wenige Plätze besetzt. Kaum ruckte der Zug in Landquart an, ertönte ein Mobilephone und einer erzählte etwas. So laut, dass ich mithören musste, ob ich wollte oder nicht. Dem Dialekt nach war es ein Unterländer, irgendwo zwischen Zürich und Aargau. Er sagte, dass er sich im Zug befinde und jetzt müsse er noch eine Stunde weiterfahren. Es sei etwas blöd gelaufen. Er sei ja jetzt am WEF und er sagte es so, als hätte er sich geziert und als wäre er gar nicht gerne gegangen und so als ob sein Chef halt nur ihn schicken konnte. Jedenfalls habe er sich eine Unterkunft gesucht, doch Davos war schon ausgebucht. Da habe er auf Google eine Loge gefunden, ganz in der Nähe.
11 Kilometer, da habe er gedacht, super, das ist  nicht weit, und der Preis war auch im Rahmen, nicht so, wie andere Hotels oder so in Davos. Also, habe er gebucht und jetzt sei er in Davos angekommen und als er in seine Unterkunft wollte, habe er festgestellt, dass dieses Arosa halt hinter einem Berg liege. Und jetzt müsse er über zwei Stunden von Davos nach Arosa fahren. Sei halt etwas blöd gelaufen. Die elf Kilometer Luftlinie seien jetzt halt doch etwas länger.

 

 

DatumDatum26. November 2017 KategorieKategorieAllgemein

Zwei Franken für die Glückseligkeit

Schnell. Brauche einen Parkplatz. Muss nachher gerade wieder weiter. Bin schon zu spät. Da. Ein Platz wird frei. Ich kurve in das freie Parkfeld. Muss mich beeilen. Parkfeld 12. Klaube das Münz aus dem Portemonnaie. Will schnell einwerfen. Da bleibt einen Moment die Welt stehen. Vor mir ein viereckiger Kasten. Mit Bildschirm. Noch nie gesehen. Anstelle von Knöpfen hat es nichts. Vielleicht muss man auf den Bildschirm tippen. 12 für Parkfeld 12. Nein? Unten auf dem schwarzen Feld? Auch nichts. Ich rücke die Brille zurecht. Hat es da Linien? Der Linie nach und dort am Rand drücken. Ja. Die 12 erscheint. Ich suche das Münzfach. Doch zu spät. Die 12 ist verschwunden. Also wieder die Linie, drücken, der Zweifränkler ist bereit, ich stopfe ihn in das Münzfach. Will weitergehen, endlich zu meinem Termin. Doch aus den Augenwinkeln sehe ich, dass nichts geschehen ist. Der Zweifränkler lugt noch aus dem Münzfach. Das darf nicht wahr sein. Ich versuche ihn mit einer anderen Münze hineinzuschubsen. Nichts. Die 12 muss ich ja auch noch drücken. Ein Knopf für Störung gibt es nicht. Und ich bin zu spät. Da reicht es mir. Ich schlage mit der Faus auf diese Digital-Parkuhr ein, dass sie zittert. Und nochmals. Dazu brülle ich das Ding an. Und noch ein Faustschlag. Die Spannung lässt nach. Und da ich auch die Faust schon etwas spüre, trete ich an den Kasten. Da klippert es, mein Zweifränkler liegt Münzfach und ein Fünfziger und ein Zwanziger. Also landet die Schuhsohle auf dem kleinen Bildschirm und als hätte sich ein Knopf gelöst, scheppert und kleppert es wie bei einem einarmigen Bandit. Zwanziger, Einfränkler, Zehner und Fünfziger, alles Münz, rauscht aus dem Mund der neuen Parkuhr. Als hätte sie sich überfressen. Ich halte meine Hände hin. Das reicht für einige Stunden parken. Und mit einem Lächeln auf dem Gesicht schreite ich zu meinem Termin.

DatumDatum29. Oktober 2017 KategorieKategorieAllgemein

Letzthin

Papiersammlung der Schule. Da weiss ich, so ab dem späten Nachmittag kommen die Telefonate, man habe wieder die Zeitungsbündel vergessen einzusammeln oder warum niemand vorbeikäme, schon das letzte Mal habe man alles wieder in den Keller versorgen müssen.
Es läutet, zuverlässig wie der erste Schneefall im Oktober.
Diesmal ist es eine ältere Dame. Sie hat mir gesagt, dass die Nachbarn am Haus etwas machen, vielleicht habe man darum die Zeitungen nicht beachtet. Ich versichere ihr, dass ich spätestens in einer halben Stunde bei ihr sei.

Es ist ein Chalet wie aus einem Prospekt, mit Geranien und so. Eine elegant gekleidete Dame steht auf dem Balkon und winkt mir zu. Sie sei eben auch früher Lehrerin gewesen, vor zwanzig Jahren, und ob ich den Müller noch kenne. So geht es wie ein Tennis-Match hin und her. Sie erzählt, dass auch ihr Mann Lehrer gewesen sei und mir schneiden die Schnüre schon in die Handflächen, da ich die beiden Papierbündel zu früh aufgenommen habe.
Es gehe ihr gut, obwohl ihr Mann jetzt auch schon zwanzig Jahre tot sei.
“Gut”, antworte ich. Irgendwie wollte ich das Gespräch abkürzen, sehe wie sie mit dem Kopf zuckt, sie rückt das Kinn vor, stiert mich an, so, um zu erkennen, was ich mit diesem “Gut” meine.
Ich räuspere mich, will noch etwas ergänzen im Sinne von: das könne man jetzt falsch verstehen und ich wollte nur ausdrücken, dass es ihr trotz dem Tod ihres Mannes sicher sehr gut gehe. Doch auch das hat die Gefahr, falsch verstanden zu werden.
“Nun muss ich aber”, kommt es aus meinem Mund und ich hebe einen Arm, um zu zeigen, aus welchem Grund ich hier stehe. Sie drückt ihren Rücken wieder gerade, sagt, dass ich der Lehrerin Schmid noch einen Gruss ausrichten soll. Dann darf ich gehen.

DatumDatum5. Januar 2017 KategorieKategorieAllgemein

Ein schlechter Roman

Da musste ich wieder einmal warten. Der Anschlusszug war schon weg, hatte eine halbe Stunde Zeit, um dann mit einem Bummlerzug nach Hause zu kommen. Ich schaute mich im Kiosk um, blätterte in den Perry Rhodan Heftchen, wollte mich schon abwenden, da fiel mir ein etwas dickeres Taschenbuch auf. Gelber Rand, ich nahm es in die Hand, der Titel auf Englisch: Great. Ich las den Anfang, ein Held war mit der Welt nicht zufrieden und am Ende des erstens Kapitel rief der Held laut in die Welt hinaus: I will make the world great again.

Merkte gar nicht, wie die Zeit voranschritt und mich mit dem Buch allein gelassen hatte. Jetzt musste ich mich entscheiden. Wollte doch wissen, wie der Held die Welt besser machte und ausserdem gefiel mir der Typ: gross, stark, markante Gesichtszüge, die Frauen schmelzen unter seinem Blick dahin und immer sagte er klar und deutlich, was er dachte. Klare Weltansichten, keine Zweifel. Alles Klischees, schon klar, ist ja auch ein Roman. Das ist es, was wir heute in Wirklichkeit so vermissen: Klarheit.
Alles ist unsicher. Was am Vormittag wahr ist, ist am Nachmittag Fakenews und am Abend vergessen.
Die Zwillinge einer ehemaligen Schönheitskönigin erscheinen auf der gleichen Seite wie der Einmarsch von Russland auf die Krimhalbinsel, gleich grosser Artikel. Das Bild zeigt natürlich die Zwillinge. Wie soll ich denn noch wissen, was wirklich wichtig ist?

Also zahlte ich, im Zug war ich fast alleine, es dunkelte schon, die Landschaft nur verschwommene Bilder, die an mir vorbeirauschten, der Held sagte sich, dass er Geld brauchte, um die Welt besser zu machen. Er ergaunerte sich viel Geld, indem er marode Häuser kaufte, diese aufmotzte und wieder verkaufte. Dabei gründete er Scheinfirma um Scheinfirma, haute jeden Partner übers Ohr, zahlte fast keine Steuern, da er Schulden in Millionenhöhe machte, zog mit einer Reality-Show Millionen Zuschauer vor den Bildschirm und wir wussten alle, der Mann machte das alles nur, um die Welt zu retten. Ich schaute hinaus, wollte das Buch weglegen, so schlecht geschrieben, ein furchtbarer Plot, dann diese Überzeichnung der Personen.
Was hatte ich denn erwartet? Ein Heftchenroman halt.
Wie ich so nach draussen schaute, merkte ich, dass ich die Strecke gar nicht kannte und bis jetzt war noch kein Kondukteur vorbeigekommen. Fuhr der Bummler eine andere Strecke? Ich schaute auf die Uhr, müsste bald zuhause sein. Kurz stand ich auf, um zu schauen, ob noch jemand anderes im Zug sitzt, doch ich war allein im Abteil. So las ich halt weiter.

Es gab noch Nebenhandlungen im Roman: Da tarnte sich ein Terrorist als afrikanischer Flüchtling und plante einen Anschlag, ein englischer Banker verlor an einem Tag Milliarden und eine Schweizer Bank stürzte darob fast in den Abgrund, England verliess die EU, Europa löste sich wieder in Nationalstaaten auf, der Terrorist schlug zu, in Paris, in Nizza, in Berlin, in Istanbul. War fast froh, ging die Geschichte mit dem Held weiter, der natürlich die Terroristen zur Strecke bringen wollte und da er sah, dass auch er die Welt nur retten konnte, wenn er Präsident würde, stieg er bei einer Partei ein und machte Wahlkampf. Da musste ich die Lektüre unterbrechen, so billig und unrealistisch dieser Plot, so unsäglich dumm und so weit weg von der Realität. Ich blätterte weiter und tatsächlich, wurde der Held Präsident, er erwischte den Terrorist höchstpersönlich und mit seinem neuen Freund, der ganz zufällig der Präsident oder so ähnlich von Russland war, machte er endlich Ordnung auf der Welt.

Ich ächzte, war froh, hatte ich den Schundroman fertig und war bald zu Hause. So einen Seich hatte ich schon lange nicht mehr gelesen.

Doch als ich wieder nach draussen schaute, es war dunkel,  nur einzelne Lichter, die vorbeizogen, hatte keine Ahnung, wo zum Teufel ich war, auf die SBB war auch kein Verlass mehr, ich ging durch die Abteile, niemand da. Jetzt löschte jemand auch noch das Licht aus und ich stand da im Dunkeln, hörte das Tactac, Tactac der Räder und fuhr irgendwohin, wo ich mich nicht auskannte, nur weil vielleicht jemand eine Weiche falsch gestellt hatte.

 

 

DatumDatum31. Oktober 2016 KategorieKategorieAllgemein

Das moderne Höhlengleichnis

Da habe ich doch wieder einmal den Tatort geschaut, am letzten Sonntag im Oktober. Eine Mitbegründerin eines Start-Up Unternehmens ist mit dem Auto zu schnell in eine Kurve gefahren und ist jetzt tot und hinterlässt ratlose Mitunternehmer der Firma, die kurz vor der Lancierung von digitalen Assistentinnen steht. Und eine Tochter und eine Mutter. Es war kein Unfall.

Ja, ich schaue noch TV. Ich weiss, ich weiss, ich bin ein altmodischer Sack, schalte das TV Gerät dann ein, wenn die Sendung auch läuft, habe es nicht gerne, wenn die Kinder zurückspulen, quasi TV à la carte. Zum Beweis, wie altmodisch ich bin: ein Fotoapparat zum Fotografieren, Festnetz und ein PC zum Schreiben, ja und auch für das Internet. So habe ich letzte Woche auch ein Facebook-Account erstellt, habe sogar schon gepostet und gelikt und bin hin-und hergerissen, ob mir das gefällt und ich gerne mache oder einfach Zeitverschwendung ist. Doch ich tröste mich damit, dass ich dies jederzeit abstellen kann (kann man doch, nicht wahr?).

Jetzt bin ich abgeschweift. Zurück zum Tatort. Er hat mich gefesselt, ich war fasziniert von den Möglichkeiten dieser digitalen Assistentin namens Nessa. Sie war so echt und gerne hätte ich auch eine Hologramm Brille getragen und wäre mit ihr am Strand spazieren gegangen und hätte die mitfühlende Stimme gehört, wie sie mich fragt, ob ich denn glücklich sei und wir hätten geredet und vielleicht hätte ich versucht, ihre Hand zu halten. Doch dann wäre meine Hand ins Leere gelaufen und ohne Holobrille wäre alles leer und öde gewesen.

Wer den Tatort nicht gesehen hat, hier die Kurzform:
Vanessa hat einen tödlichen Autounfall. Ihr Start-Up Unternehmen entwickelt digitale Assistentinnen, die im Rahmen ihrer Programmierung selbständig telefonieren, sprechen, arbeiten – kurz, ein zweites digitales Ich. Vanessa ist dafür Modell gestanden. Grosse Sache, viel Geld.
So überbringen die Ermittler die Todesnachricht der Mutter von Vanessa, diese glaubt es nicht und telefoniert. Die Vanessa nimmt ab, ein Gespräch ergibt sich, die Ermittler verunsichert, müssen die Identifikation nochmals überprüfen. Die Mitbegründer des Start-Ups, der Kai, der Finanzier und der Paul, der immer noch in Vanessa verliebte Rollstuhlfahrer, sind sichtlich erschüttert. Auch der Ehemann, immer unterwegs, kommt zurück und versucht die Tochter Lili zu trösten. Wir vermuten alle, dass das zweite Ich von Vanessa, die Nessa ihre Algorithmen nicht im Griff hatte. Doch da ist der Kai, der für viel Geld die digitale Version von Vanessa für Pornoseiten verkaufte – ohne dass die anderen davon wussten, natürlich. Und der Paul hat auf Youtube gezeigt, wie er vom Computer aus Autos selber fahren liess. Also, wer hat da wen oder was manipuliert und warum. Eine digitale Fehlentwicklung oder doch das alte Lied von Macht, viel Geld, Liebe, Eifersucht.
Doch was mich am Tatort fasziniert hat: Die Wirklichkeit ist keine sichere Grösse. Die Nessa am Meer war wie die Vanessa an der See, beide fröhlich und verspielt, die Männer umschwirren die (Va)Nessa wie Motten eine Strassenlampe, sie sehen das Glück, erreichen es nicht.
Und die Tochter Lili? Sie spricht mit ihrer Mutter via Nessa-App, manchmal bevorzugt die Lili das App ihrem immer umherreisenden Vater und sie will die Tote sehen. Der Gerichtsmediziner hilflos dieser selbstbewussten Lili gegenüber, erklärt, warum Tote kalt sind und die Lili fotografiert ihre tote Mutter. Nur was auf dem Tablet festgehalten werden kann, ist wirklich?

Da kommt mir das Höhlengleichnis in den Sinn. Man kann es nachlesen: Platon hiess der Philosoph und ja, ich lese noch Bücher und keine Apps, ich blättere noch Seiten um und zurück, wenn ich etwas nochmals nachlesen will. Wie schon gesagt: altmodisch, hoffnungslos.

Natürlich: Platons Höhlengleichnis gibt’s samt Interpretation auf Wikipedia, als Trickfilm auf Youtube und, und, und.

Der Tatort – ein modernes Höhlengleichnis: Was ist die Wirklichkeit? Wer sind wir? Schattenwelt? Träumen wir und ist das die Wirklichkeit?

Das Höhlengleichnis, ein alter Text. Und immer noch die gleichen Fragen, nur unsere Möglichkeiten, Werkzeuge und Gerätchen verändern sich. Wir nicht.