Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum26. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 13.

Donnerstag, 26. März 2020.

Heute bin ich meine Lieblingsstrecke gejoggt: Ganz langsam zum Dorf hinaus, über die flache Wiese, an den Obstbäumen vorbei, rechts das Windrad, eine kleine Steigung und dann durch das Auenwäldchen. Jetzt die Felswand, nur ein Fussweg, höchstens einen halben Meter breit, links geht es eine glatte Felswand hoch, rechts unten fliesst der Rhein, er schiebt sich an der Felswand entlang, grau ist er heute der Rhein, mit weissen Wellenkämmen.

Kein Mensch weit und breit. Alles leer. Bin allein auf der Welt.

 

DatumDatum25. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 12.

Mittwoch, 25. März 2020.

Langsam gewöhne ich mich an die Quarantäne:
Schlagzeilen rund um Covid-19, leere Strassen, Abstand bei Begegnungen, leere Zugwagen, kein Kondukteur, viele Telefonate, alles geschlossen.
Apropos: Heute hatte ich nichts für das Mittagessen dabei, in Gedanken noch irgendetwas von der Arbeit. Ich will ins Sportzentrum, etwas essen. Geschlossen. Ich denke: Zwischensaison halt. Dann also in die Pizzeria, die hat immer offen. Und erst als ich wieder auf dem Weg war, einige Schritte gelaufen, wurde mir klar, dass ich heute nirgends etwas essen werde.
Idiot, sage ich zu mir selber!

DatumDatum24. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 11.

Dienstag, 24. März 2020.

Homeoffice: So wie es wirklich ist.
Heute bin ich dran. Meine Frau muss arbeiten und ist weg. Homeoffice. Habe mir einen Plan gemacht:
08.00 Uhr: Mails beantworten
08.30 Uhr: Protokoll fertig stellen
und so weiter.
Den Kindern habe ich gezeigt, wie man einen solchen Arbeitsplan erstellt. Der Jüngere schaut mich mit offenem Mund an, der Ältere schüttelt nur den Kopf: Sicher nicht, ob ich nicht ganz dicht sei, sie hätten keinen Auftrag erhalten, ich könne machen, was ich wolle, aber so einen Plan brauchen sie nicht.
Nun ja, ich räume meine Kaffeetasse weg und sage nur: Ich muss heute von Zuhause aus arbeiten. Bin im Gästezimmer. Stört bitte nicht.
Ich telefoniere, da öffnet sich die Türe. Der Jüngere steht da. Ich lege die Hand über das Telefon und zische: Was willst du?
Darf ich die Mails anschauen?
Ja, natürlich. Und jetzt lass mich telefonieren.
Kaum ist das Telefonat fertig und ich will ein paar Stichworte notieren, kommt wieder der Jüngere: Kannst du mir helfen? Die Lehrerin hat etwas geschickt.
Okay, denke ich, geht sicher nicht lange.
Eine halbe Stunde später funktioniert alles. Das heisst, ein Arbeitsplan leuchtet ins Gesicht des Jüngeren. Er arbeitet diesen für die Woche aus, wie zum Beispiel:
08.00 bis 08.45 Uhr: Mathematik: Arbeitsblatt 17 a fertig lösen.
und so weiter.
Ich sage nichts dazu.
Auf meinem Arbeitsplan steht: Mails beantworten. Doch der PC ist besetzt.
Also, das zweite Telefonat, doch vorher muss ich schauen, was der Ältere macht. Mit Kopfhörer beugt er sich über den Laptop. Dort ist tatsächlich ein Arbeitsblatt zu sehen, etwas über Geschichte. Er schaut auf. Ich frage, alles ok? Er nickt und zeigt auf ein Heft. Lerntagebuch, sagt er. Da steht:
08.00 Uhr: Deutsch: Verben in verschiedene Zeitformen setzen (AB 17)
09.00 Uhr: Geschichte: Industrialisierung
etc.
Ein Arbeitsplan, sehr gut, sage ich. Doch der Ältere hört mich nicht. Kopfhörer halt.
Jetzt muss ich aber zuerst die Küche fertig aufräumen und schauen, ob ich alles für das Mittagessen da habe. Das Telefonat muss warten. Der Jüngere will noch wissen, wie er das Matheblatt bearbeiten kann und wieder zurückschicken. Der Ältere will etwas ausdrucken. Ein Foto von einer handgezeichneten Lösungsmöglichkeit muss ich noch machen und verschicken. Ja, jetzt das dringende Telefonat und mitten im Gespräch, läutet es an der Haustüre. Die Post. Der Jüngere fragt, ob ich kurz helfen könne. Ich muss beginnen, Gemüse zu rüsten. Der Ältere ruft, dass ich den Toner auswechseln soll, sonst könne er nicht arbeiten und kaum bin ich beim Drucker, höre ich das Wasser sprudeln. Der Jüngere will mir den Klassenchat am PC zeigen. Ich bin in der Küche, nur etwas Schnelles kochen, gleichzeitig am Telefon.
Endlich sind wir am Tisch, 12 Uhr 30, und da fragt der Ältere: Und. Alles stabil bei dir. Was hast du denn heute so im Homeoffice gemacht?
Ich lege die Gabel auf die Seite, muss einen Moment überlegen und wenn ich ganz genau sein will: Drei Telefonate!

 

DatumDatum23. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 10.

Montag, 23. März 2020.
Für heute haben wir alle einen Tagesplan erstellt. Unsere beiden Söhne haben von der Schule die verschiedenen Aufträge erhalten und jetzt sitzen sie an ihren Pulten und vor dem Computer. Manchmal schaue ich darauf. Der Jüngere erstellt gerade den Wochenplan auf dem PC, der Ältere hat Zoom installiert und nun halt Unterricht per Zoom.

Und ich? Ich hänge am Telefon, frage nach, ob alles läuft, wie es geht und ob noch Unterstützung notwendig ist. Die ganze Umstellung auf Home-Learning klappt. Sogar Sport machen wir: Dauerlauf und Kraft.
Wenn es nicht so seltsam wäre, der Virus da draussen und wir daheim, es wäre sehr entspannt!

DatumDatum22. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 9.

Sonntag, 22. März 2020.
Wie funktioniert die Wirtschaft? In diesen Zeiten sind die Wirtschaftsschlagzeiten nicht zu übersehen. Bald alle sind in irgendeiner Weise betroffen. Nun, darum die Frage: Wie funktioniert die Wirtschaft?

Ein guter Freund und in seiner Laufbahn mehrmals CFO und CEO in verschiedenen Firmen hat es mir erklärt:
Schau, es ist ganz einfach. Stell dir vor, du stehst mit Tausenden von Leuten vor dem Stadium, wo in einer halben Stunde das entscheidende Meisterschaftsspiel angepfiffen wird. Es ist schönes Wetter angesagt, ein Vorsommerabend mit milden Temperaturen. Da zieht eine schwarze Wolkenwand vorüber und ein Platzregen geht nieder. Was machst du? Du kaufst eine dieser durchsichtigen Regenpelerinen. Leider hat es nur einen Stand, wo man diese kaufen kann. Du denkst, 10 Franken, ein wenig teuer, doch mit Tausend anderen kaufst du dieses Plastikding.
Angebot und Nachfrage. So einfach ist das. Der Verkäufer hat ein paar Rappen für diese Pelerinen bezahlt und macht innerhalb kurzer Zeit das Geschäft seines Lebens. Und jetzt kannst du das auf alles übertragen. Du musst dich nur fragen, was braucht der Mensch? Und wenn er es nicht braucht, dann gibt es ganz viele Wünsche: Ich will schöner sein, will zeigen, dass ich mehr habe oder dass ich ein besserer Mensch bin.
Angebot und Nachfrage: Jetzt hast du vielleicht in Aktien investiert. Das bedeutet nichts anderes, als dass du in Firmen investiert hast. Also: welche Firmen braucht es in nächster Zeit?

DatumDatum21. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 8.

Samstag, 21. März 2020.
“Ich will auf den Schulhausplatz.” Unser Jüngster stemmt die Fäuste in die Hüften und schiebt das Kinn nach vorn.
“Was willst du da?” frage ich.
“Abmachen.” Trotzig presst er die Lippen zusammen.
“Du kannst nicht abmachen. Es dürfen nicht mehr als fünf zusammen sein.”
“Wir schauen schon, dass nicht mehr als fünf zusammen sind.”
“Wenn ihr Fussball spielt, dann seid ihr mehr als fünf.”
“Aber wir sind dann vielleicht nur drei auf der einen Seite und drei auf der anderen.”
“Jetzt hör mal zu. Herr Berset vom Bundesrat hat klar gesagt, dass man Zuhause bleiben muss.” Manchmal kann auch der eigene Sohn nerven.
“Und ich will auf den Schulhausplatz.”
Er ist ein sturer Kopf. Da müssen andere Mittel her.
“Vorhin ist der Polizeiwagen vorbeigefahren. Die haben sicher Kontrolle gemacht.”
“Wenn wir nicht mehr als fünf sind, können sie nichts machen.”
Ich seufzte. Muss wieder einmal Klartext reden: “Du. Gehst. Nicht. Auf. Den. Schulhausplatz.”

Was war das Resultat der Diskussion? Heute Nachmittag haben wir zu viert Unihockey auf unserem Vorplatz gespielt. Ich natürlich auch. Und jetzt habe ich schwere Beine und kann die Arme nicht mehr hochheben. Mein Stolz ist auch verletzt: Meine Söhne sind schneller, flinker und ausdauernder als ich.

 

DatumDatum20. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 7.

Freitag, 20. März 2020.
Heute so müde wie lange nicht mehr. Die vielen Telefonate? Das Mailschreiben und Organisieren?

Einfach müde.

Gute Nacht.

DatumDatum19. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 6.

Donnerstag, 19. März 2020.
Mein Tag-Nachtrhythmus ist aus den Fugen. Am Tag 5 hing ich den ganzen Tag am Telefon oder war im Gespräch, selbstverständlich mit dem gebührenden Abstand. Ein Tag im Chaos-Modus. Erst am Abend bemerkte ich, wie kaputt ich war. So ging ich schon um 21.00 Uhr ins Bett und bin sofort eingeschlafen. Jetzt ist es 02.58 Uhr. Ich bin wach. Alles ruhig. Gehe schnell die Zeitungsmeldungen durch. Nicht nur wir in der Schule sind im Chaos-Modus: Schmerzmittel rationiert, Swisscom überlastet, ÖV wird runtergefahren, Flugbetrieb fast eingestellt, Milliarden für die Wirtschaft; und stell dir vor, jemand hätte vor zwei Wochen gesagt, dass die Senioren bei schönstem Frühlingswetter gefälligst zuhause bleiben sollen!
Ich trinke ein Glas Milch und da kommt mir meine erste Stelle als Lehrer in den Sinn. Ich unterrichtete eine Gesamtschule in Feldis. An meinem ersten Elternabend wollte ich zeigen, was wir in der Schule alles leisten und, bitte nicht lachen jetzt, ich machte ein Diktat mit den Eltern. Das Wort Rhythmus hat meine Erinnerung daran zurückgebracht, denn es war im Diktat auch dabei. Natürlich kontrollierten die Eltern ihr Diktat selbst und wahrscheinlich erzählte ich etwas von regelmässig üben. Stell dir vor, ich würde heute an einem Elternabend ein Diktat machen?
An meiner zweiten Stelle in Trin organisierten wir einen gemeinsamen Elternabend von der 1. bis zu 6. Klasse, da sollte ich die Eltern begrüssen. Einfach, dachte ich, und als ich die Aula betrat, mich irgendwo festhalten wollte und nur die Bühne hinter spürte, besser gesagt, die Kante der Bühnenelemente knapp oberhalb der Kniekehlen, waren meine Hände schweissnass und die zwei Sätze, die ich vorbereitet hatte, ich weiss nicht, ob mich überhaupt jemand verstand. Furchtbar.
Jede Erfahrung half mir, es beim nächsten Mal besser zu machen, vielleicht noch nicht gut, doch immerhin. Und manchmal mache ich es trotzdem schlechter als vorher. So führten wir an der Schweizerschule Singapur irgendwo in einem Park ein Theater auf. Mit Picknick und so. Es war irgendein Abschlussabend. Vor Jahren hatte ich sehr erfolgreich einen Theaterabend organisiert und ich war sicher, dass ich das aus dem Ärmel schüttle. So kam es denn auch. Richtig schlecht, irgendeine Pantomime, bei der niemand draus kam. Schülerinnen, die mit einem Leintuch etwas vorführten, Schüler, die mit Taschenlampen eine Botschaft in die Luft malten. Doch es war noch nicht dunkel, man sah nur Kinder, die mit etwas in den Händen in der Luft herumfuchtelten.
Na, ja.
Trotz Chaos, trotz Unzulänglichkeiten, trotz fehlender Kontrolle. Wir sind unsicher, es geschieht einfach, ohne dass wir selber viel dazu machen können. Und doch: wir lernen. Die Erfahrung hilft uns nicht, es immer besser zu machen. Doch sie hilft, dass wir selber gelassener, entspannter mit der neuen Situation umgehen können. Denn die Erfahrung sagt: Wir kommen da durch. Es geht vorbei.

DatumDatum18. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 5

Mittwoch, 18. März 2020.
Warum ich einen Quarantäne-Blog schreibe?
Üben.
Verschiedene Schreibformen ausprobieren.
Üben.
Erinnern.
Üben.
Im Alltag sehe ich mehr, wenn ich es aufschreiben will.
Üben.
Hinschauen.
Üben.
Aussergewöhnliche Zeiten als Zeichen für Veränderung ernst nehmen.
Üben.
Aus Gewohnheiten aufwachen.

Erst Tag 5?
Tagesschau. Beginnt verspätet. Technische Schwierigkeiten. Frau Staub nervös. Verpasst Einsatz. Technische Schwierigkeiten? Eine Folge der Überlastung des Netzes? Ein Kameramann am Boden? Evakuieren des Newsroom?

Was erwartet uns morgen?

 

DatumDatum16. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 4

Dienstag, 17. März 2020

Spazier’ durch den Frühling.
Schau in den Himmel. Sing.
Lass die Sonne auf deine Haut.
Schrei vor Freude. Laut.

Doch schau genau:
Was machen diese Wolken dort?
Und auf der Strasse
picken Krähen an tote Tieren.

Der Frühling ist ein Winter.
Die Sonne brennt alles nieder.
Zu schnell, zu heiss, zu viel.
Wir stürzen, wir fallen.