Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum5. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 23.

Sonntag, 5. April 2020.
Heute habe ich mein Rennvelo in Betrieb genommen. Beide Pneu platt. Die Pumpe hat der Ältere irgendwo hingestellt. 10 Minuten Suche und 5 Minuten pumpen. Ich besteige das Rad, der Sattel ist zu tief. Also absteigen, Sattel einstellen. 5 Minuten. Jetzt merke ich, dass ich den Computer noch im Haus habe und etwas zu trinken sollte ich auch mitnehmen. Nochmals 5 Minuten. Bis ich losfahre, habe ich ein sehr abwechslungsreiches Aufwärmprogramm von 25 Minuten schon absolviert. Nicht gerechnet: Kleidersuche, anziehen, wieder ausziehen, denn es ist doch schon recht warm. Wo sind die Veloschuhe? Das war alles nur ein kleines Mentaltraining. Nun bin ich mental eingestellt und habe die richtige Betriebstemperatur. Auf dem Rad fühle ich mich sofort zuhause. Einfach ein wenig pedalen und es geht vorwärts wie der Wind. Doch der Wind kommt von der anderen Seite und auf ebener Strecke im kleinsten Gang radeln, das ist etwas hart. Doch dank meinem Mentaltraining schaffe ich das, denn wer die engen Rennsocken anziehen und mit der Hand in die hinteren Säcke des Veloleibchens greifen kann, der kann alles. Endlich geht es leicht abwärts, die Zahlen auf dem Tacho klettern bis zu 30 km/h, es fühlt sich an wie Fliegen. Darum das Rennvelo.
Mehr an eine Klettertour erinnert die kurze Steigung vor Zizers. Als wäre ich schon seit fünf Uhr morgens auf dieser Tour. Die Oberschenkel zittern, nur Zentimeter um Zentimeter komme ich vorwärts, nur 20 Meter, was für ein Berg, nun, ein steiler Hügel, vielleicht auch nur eine Bodenwelle. Auch diese bewältige ich, der Schweiss rinnt in die Augen, das Hinterteil ist mit dem Sattel verwachsen, die Hände zittern, so dass ich mich verschalte. Und als eine Dreiergruppe mich ganz locker überholt (nein, keine E-Bikes und nein, keine Renntruppe, sondern drei Sonntagsfahrer wie ich), da wird mir klar, es ist Zeit zum Heimkehren.

DatumDatum4. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 21.

Freitag, 3. April 2020.

Es ist frisch heute morgen. Ich wollte mit dem Auto zum Fürstenwald fahren, um dort eine Vita-Parcours Runde zu laufen. Meine Frau hat nur den Kopf geschüttelt. Mit dem Auto zum Laufen fahren?
So laufe ich also hoch zum Fürstenwald. Die Strecke ist im Kopf länger als sie tatsächlich ist. Es ist ein Freitagmorgen wie immer, und doch ist alles ganz anders. Das Licht ist greller, die Luft sticht in der Lunge, die Leute grüssen auf der Strasse, sie murmeln einen Morgengruss und schauen dann weg, die meisten mit einem Hund unterwegs. Auf der Höhe des Waldes höre ich Alphorntöne, keine Halluzination, tatsächlich steht einer dort und bläst ins Horn. Ich winke ihm zu und kurz gerät er aus dem Takt.
Ganz langsam beginne ich zu laufen. Bin ganz alleine im Fürstenwald, ich fühle mich mit jedem Schritt besser, bin voller Energie, achte auf den Weg. Die ersten Übungsposten lasse ich aus. Es sind nur fünf Übungsposten, bei denen ich halte. Die erste ist die Reckstange. Ich hangle einen Moment daran, Dehnungsübung, und wie ich so an der Stange hange, spüre ich, wie ich jede Sekunde einen Zentimeter länger werde. Nach der Übung bin ich sicher zwei Meter gross. Die nächste Übung sind die Ringe. Zuerst schwingen. Ich kann mich kaum halten, die Hände saugen die Kälte der Ringe auf. Ich schüttle sie, fluche leise und wärme sie kurz auf. Habe meine Fitness längere Zeit vernachlässigt. Schaffe ich das Hochheben der Knie? Erstaunlicherweise ganz einfach, nur an den Unterarmen zieht es, die Schultern zittern. Nicht schlecht, denke ich und laufe zur nächsten Übung: Liegestütze verkehrt am Barren. Dabei schaue ich in den Himmel, etwas grau heute. Dann geht es weiter, der Weg ist steil und ich versuche gleichmässig zu atmen, nur kleine Schritte bis ich zu meiner Lieblingsübung komme: Die Bank.
Nein, nein, nicht zum Draufsitzen. Zum Draufliegen.
Also, auch das ist missverständlich.
Ich muss mich schon auf die Bank legen. Auch ruhe ich mich einen Moment aus, bevor ich mit den Übungen beginne. Dann blicke den vier Baumstämmen hoch, zwei Buchen, eine Tanne und eine Föhre. Wie dünne Finger strecken sie ihre Äste aus, es sieht aus, als berührten sich die Finger und spannen ein Netz über mir. Alles ist ruhig, die Bäume schützen mich. Erst als ich merke, dass sich die Kälte durch die dünne Jacke schleicht, mache ich die drei Rumpf- und Rückenübungen, renne weiter, ganz locker und zufrieden. Die letzte Übung ist Liegestütze vorwärts und rückwärts an einem Holzlattengestell. Ich laufe weiter bis zum Friedhof. Beim Grab meines Vaters bleibe ich stehen. War schon lange nicht mehr hier. Darum erzähle ich ihm, was in den letzten Wochen geschehen ist, so, als würde er auf der Mauer sitzen und zuhören. Auch bei der Grabplatte von Tante Carmen bleibe ich stehen. Ich sehe die Bilder vor mir, aus früheren Zeiten. Habe ich sie wirklich gekannt? Was wusste ich von ihr? Oder anders gefragt, was wusste ich alles nicht?

DatumDatum3. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 20.

Donnerstag, 2. April 2020.

Heute arbeite ich wieder in Klosters. Ich spaziere zur Tagesstätte, die Kinder sind draussen. Drei sind es und sie haben mit Kreide auf dem Teer Strassen gezeichnet. Sie fahren mit ihren Wägeli ihren Parcours, da putscht eines in meine Beine. “Du musst nicht im Weg stehen.” Sie lacht, als sie mit mir schimpft. “Entschuldige. Irgendwo muss ich doch stehen.” Dann drücke ich mich an die Wand und achte darauf, dass ich nicht im Rennparcours im Wege bin. Doch wieder fährt sie mich an. “Also, schon wieder.” Wir lachen.
Ein anderes Kind hat ein grosse Haus auf den Boden gezeichnet. Ich klopfe auf die Kreidetüre. “Hallo, ist jemand zuhause.”
Der Knabe antwortet: “Du kannst nicht anklopfen. Das ist ein Unterwasserhaus.”
Und ich stell mir jetzt vor, wie die anderen Kinder auch gerne hier wären!

DatumDatum2. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 19.

Mittwoch, 1. April 2020.

Heute haben wir eine Ausfahrt gemacht.
Wir sind über Land gefahren.
Der Schnee hängt an den Bergspitzen fest.
Der blaue Himmel wie ein Kuppeldach.
Warum nur sind die Strassen leer?

Die Cafés und Läden sehen aus wie an einem Sonntag.
Die Menschen fehlen.
Nur an den Tankstellen muss man anstehen.
Vor dem Spar werfen sich die Kinder den Ball zu.
Warum will ich rasch wieder nach Hause?

Hab ich etwas zu tun?
Muss ich mich beschäftigen?
Was kann nicht warten?
Kommt jemand auf Besuch?
Auf Fragen habe ich keine Antworten.

 

 

DatumDatum31. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 18.

Dienstag, 31. März 2020:

Ein Ziel der Quarantäne ist erreicht. Auf der Webseite: https://zukunftschreiben.org habe ich eine Geschichte eingereicht:

Eine Zukunftsgeschichte

Es freut ich sehr, wenn ihr reinschaut und – ihr dürft auf das Herz klicken.

DatumDatum31. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 17.

Montag, 30. März. 2020.
Im Gang bei uns hängt ein Bild. Es ist ein Scherenschnitt und hing jahrelang im Treppenhaus im Haus meiner Eltern. Ich habe es als Junge oft angeschaut. Es ist nicht ganz so gross wie ein A4 Blatt im Querformat. Der schwarze fingerdicke Rahmen lässt an eine Trauerkarte denken. Das Passepartout war einmal weiss, jetzt erinnert es an eine alte Fotografie. Im Hintergrund sind Sträucher und Bäume zu sehen, ein herrschaftliches Haus. Die Äste beugen sich im Wind und verdecken den Hof leicht. Im Vordergrund geht ein junger Bursche in diesem Sturm spazieren, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Kopf leicht geneigt, in Gedanken versunken. Schwalben spielen im Wind. Ein hoher Baum thront über dem Mann. Um die Schrift zu lesen, berührt meine Nasenspitze fast das Glas. Der Titel des Bildes lautet:
Beethoven im Gewittersturm.

 

DatumDatum30. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 16.

Sonntag, 29. März 2020.

Heute haben wir einen TV-Nachmittag gemacht. Und auf dem Programm stand:

Back to the future

Kennt ihr den Film? Aus dem Jahr 1985! Und ich bin sicher: Alle kennen den Film. Den muss man kennen. Ja, ja, ich weiss, nicht alle sind so Filmfans und oftmals schrecken auch die Worte: Future, Science Fiction etc. etwas ab.

Also: Auch ich habe den Film nach Jahren wieder mit dem Jungs angeschaut. Und tatsächlich, sogar der Ältere, mitten im turbulenten Alter, war fasziniert und hat gelacht. Ihm haben die Sprüche gefallen und meinem Jüngsten die Szene, wo Marty Gitarre spielt auf der Bühne und fast verschwindet und wieder aufsteht und ein Solo hinlegt, das heute ein Oldie ist: Johnny B. Goode.

Und ich? Ich war hin und weg. Und noch mehr gefreut hat mich: Meine Kinder werden ihren Kindern erzählen, dass sogar ihr Grossvater, also ich, auf diesen Film abgefahren bin. So bleiben Geschichten ewig.

DatumDatum29. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 15.

Samstag, 28. März 2020.

Jeder Samstag ist gleich. Egal ob es stürmt oder schneit. Und erst recht bei schönem Wetter.
Ich bin als erster wach, immer um 06.00 Uhr. Manchmal ein paar Minuten früher, manchmal später. Ein Kaffee, die Zeitung holen, das Tagi-Magi mit der Kolumne von Max Küng. Meistens höre ich jetzt eine Tür gehen, jemand tapst die Treppe herunter, der jüngste schlurft vorbei.
Nach dem Morgenessen putzen wir, jeden Samstag. Heute übernehmen die beiden Jungs das Staubsaugen, meine Frau putzt die Fenster und ich Bad und WC. Warum nur bin ich nach dem Putzen so kaputt?
Der Nachmittag schleicht so dahin, ein kurzer Spaziergang, ein wenig lesen, TV und dann schlafen. Irgendwie bin ich nicht zufrieden mit heute.

DatumDatum28. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 14.

Freitag, 27.März 2020.

Heute telefonierte ich mit einem Freund. Wir sprachen natürlich über das eine und einzige Thema. Und die Frage war: Wie lange noch?
Ja, wie lange denn noch. Ich schaue im Kalender nach: Sicher noch drei Wochen. Und das ist die optimistischste Prognose. Die realistische Prognose lautet neun Wochen. Die anderen Prognosen wollen wir nicht wissen! Und wenn ich den Titel anschaue: Tag 14, dann muss ich mich auf eine lange Zeit einstellen.
Also, was tun? Wie überstehen wir die Zeit, ohne verrückt oder komisch zu werden?
Ich mache mir einen Plan und schreibe ihn auf. Am letzten Tag der Quarantäne nehme ich ihn hervor und will überall ein Häkchen sehen. Ich habe gerne Druck und Abgabetermine! Darum ja auch dieses Onlinetagebuch! Beginne ich doch am besten gleich damit:

1. Täglich kurz etwas ins Online-Tagebuch schreiben!

2. Eine Kurzgeschichte schreiben, wie sich die Welt zum Guten ändert.

3. Mit dieser Kurzgeschichte an einem Schreibwettbewerb teilnehmen.

4. Drei Mal die Woche mindestens eine Stunde draussen sein, es darf auch spazieren sein!

5. Pro Woche einen Ordner aufräumen.

6. Pro Woche einen Raum entrümpeln.

7. Jede Woche etwas selber backen oder kochen.