Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum1. November 2015 KategorieKategorieAllgemein

Beim Mittagessen

Letzten Montag habe ich das Interview mit Lukas Bärfuss in der Schweiz am Sonntag gelesen. Ich  wollte etwas zu Mittag essen, doch das Cafe, das ich sonst besuche, war geschlossen.
“Natürlich: Montag!”, dachte ich und suchte irgendwo ein offenes Lokal. An der Hauptstrasse dann, auf der rechten Seite, die Fassade abgeblättert, eine Leuchtreklame, rund, rote Schrift auf weissem Grund, Feldschlösschen, und unten gross: BAR. Ich hatte grossen Hunger, so betrat ich das Lokal. Die Wirtsleute sassen am Tisch, sie drehten sich um, als ich eintrat.
“Bin ich zu früh?”, fragte ich.
“Nein, nein, setzen sie sich hin, wo sie wollen.”
Ich rutschte auf eine Holzbank. Zeitungen lagen herum. Die Serviertochter brachte ein Mineralwasser, ich bestellte das Menü mit den Eierschwämmliravioli. Der Wirt stand auf.
“Was hat er bestellt?”, fragte er die Serviertochter.
“Ravioli.”
Ich spürte den Blick des Wirtes auf mir. Wie beim Zoll.
Während ich die Tomatensuppe löffelte, blätterte ich die Zeitungen durch. In der Schweiz am Sonntag blieb ich dann bei den Antworten von Bärfuss hängen.
Die Türe öffnete sich, Stimmengewirr, schwere Schuhe.
Die Serviererin begrüsste die Männer: “Ja, der Andi. Habe gehört, du hast am Samstag geheiratet.”
Gelächter.
“Wo hast du den Ring?”
“Zuhause.”
“Warum?”
“Stell dir vor. Elektrokabel. Will keinen Stromschlag riskieren.”
Ich lese, wie Bärfuss die SVP als rechtsradikale Partei bezeichnet. Das denke ich schon lange. Und er erwähnt, dass die Partei von einem Milliardär abhängig sei. Mir kommt in den Sinn, wie ein Kollege von mir von einer Delegiertenversammlung der Partei erzählte, da seien die Jungen zurechtgestutzt worden wie Schulbuben, als sie höflich nachfragten, ob es denn möglich sei, auch jüngere und neue Köpfe bei den Wahlen zu portieren.
Die Serviertochter lacht, als sie die Teller bringt.
“Hast du auch Föteli von der Hochzeit?”
“Nein.”
“Das nächste Mal bringst du Föteli mit, gell.”
“En guete.”
Die Schweiz sei das einzige Land, das keine Transparenz bei der Parteienfinanzierung habe. Die Wahlen seien mit Geld gewonnen worden, bemerkte der Bärfuss im Interview. Ich wollte dies nicht glauben, doch eine Freundin erzählte, dass die Musikgesellschaft in ihrem Dorf Zehntausend Franken erhalten habe von der Tochter des Parteiherrn mit der Bitte, doch für sie zu stimmen. Und ich überlege, wie viele Musik- und Turnvereine gibt es bei uns im Kanton Graubünden? Meine Frau meinte nur, Geld regiere die Welt. Ich will es immer noch nicht glauben und gleichzeitig weiss ich, sie hat recht.
Einer der Männer sagt: “Du, die Tomatenspaghetti sind perfekt. Al Dente. Wie es sein muss, sag das dem Chef.”
Die Serviertochter ist hübsch, nur hat sie auf der Wange eine längliche Narbe. Sie erzählt von der Töfftour und von der Party am letzten Abend. Ich habe die Eierschwämmliravioli erhalten. Lese und esse.
Vor den Wahlen meinte ein Kollege, als wir bei einer Sitzungspause im Büro ins Gespräch kamen, dass er einmal im Restaurant an einem Tisch in der Nähe der Herrschaften der Partei gesessen habe. Die hätten die Serviertochter angemacht, richtig gruusig sei es gewesen, primitive Herrenwitze. Er habe das Lokal verlassen müssen.
Ich lese, dass das “Du” eine Ausgabe ganz der Kunstsammlung eines dieser Herren widme. Das sei Verrat an allen Künstlerinnen und Künstler.
“Kann ich zahlen?” Die Serviertochter nickt, sie komme gleich. Sie bringt dem frisch Vermählten noch ein Dessert. Dann dreht sie sich zu mir hin: “Wollen sie auch noch ein Glace?”
Ich lächle: “Nein danke, mehr als genug.”
Und als ich gehe, die Stimmen hinter mir, die Serviertochter ruft, bis zum nächsten Mal, die Herbstsonne blendet mich, ich lege die Hand auf den Bauch. Das alles liegt mir auf dem Magen, das Essen, die Wahlen.

DatumDatum17. September 2015 KategorieKategorieAllgemein

Danke

Manchmal spaziere ich durch das Dorf. Einmal begegnete ich einer älteren Frau. Sie trug eine rosarote Strickjacke und setzte langsam einen Fuss vor den anderen. Ich will höflich sein, darum lächle ich, sie hält an, schaut zu mir und ich sage: “Grüezi.”
Vielleicht etwas laut, da ich annehme, dass sie nicht mehr so gut hört.
Ihr Kopf fängt an zu zucken, ich denke, vielleicht diese Schüttelkrankheit mit dem englischen Namen, dann starrt sie mich an wie ein Habicht eine Maus.
“Bitte!”
Und marschiert an mir vorbei, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.
Warum nur habe ich das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben?

 

DatumDatum11. September 2015 KategorieKategorieAllgemein

Alle wollen

Darf ich vorstellen: Ich bin Filmproduzent.
Gerade letzthin hatte ich eine geniale Idee: Ein Film über zerstrittene Talschaften, die sich zu einer Gemeinschaft zusammenraufen, in die Hauptstadt marschieren und ihr Land vor dem Untergang retten.
Ich weiss, alles Klischee und schon x-Mal auf der Leinwand. Aber hey, das zieht immer.

Wissen Sie, es ist eine Frage des Wie und weniger des Was. Inhalt ist momentan Nebensache, das kann wieder ändern. Und da komme ich ins Spiel. Ich bin der Spezialist für das Wie.

Das Geniale an meiner Idee ist: Wir wählen, wer mitmachen darf. Ja! Du und du und du – ihr wählt. Wer mitspielen will, soll Werbung für sich machen, Plakate, TV, Flyer, was auch immer. Dann wird gewählt und wir starten den Dreh. Das nennt sich Produktebindung. Auf Deutsch: jeder der mitgemacht hat, schaut sich auch den Film an. Es ist Gratiswerbung, jeder schickt noch ein Youtube Filmchen, Facebook und was es alles gibt. Das ist doch genial.

Ja, das war der Plan. Ich habe diverse Geldgeber überzeugt: Die Wirtschaft investierte mit horrenden Summen (geheim, doch alle wissen, dass die Ems-Chemie und wie sie alle heissen einige Banknötli locker machten), die Banken und… sie können es sich selber vorstellen, nicht wahr. An Geld mangelt es also nicht.

Der Plan, ja, und alles lief wie geschmiert.
Doch seit gestern bin ich in der Krise. Ich weiss nicht, wie es ihnen geht, aber ich bin am Ende. Meine Genialität verfluche ich.
Warum?
Ja, schauen sie sich doch um! Es hängen überall Plakate: Grinsende Köpfe, möglichst halb schräg und bemüht, kompetent und locker daherzukommen. Dann eine Gruppe von Leuten, die sich umarmen wie an einer Klassenzusammenkunft. Oder dumme Allerweltssprüche wie: Aus Liebe für die Schweiz – Freiheit, Fortschritt und noch irgendwas.
So unter uns gesagt: Liebe ist doch etwas anderes.
Oder da stehen in einer Reihe einige Menschen, halten sich fest wie am Bierfest, einige klemmen den Hals des anderen ein als stünde ein pubertäres Kämpfchen an, andere stehen scheu am Rand mit der Botschaft, wähl mich nicht, ich durfte nur zufällig aufs Bild, eigentlich nimmt man mich nicht ernst. Die Frau lächelt gezwungen, man hat sie ja auch fest im Griff. Wer hat sich denn das ausgedacht?
Dann Leute, die ich kenne, eigentlich ein netter Mensch. Doch dann steht da etwas von Übeltätern und dass er dies verhindern wolle, von Betrüger, die er bestrafen wolle.
Mannomann, der Mann ist eigentlich ganz normal, nett, freundlich, hat Humor, das meint der gar nicht so, oder doch?

Und all das nur wegen mir? Nur weil ich einen Film machen will, der nach ein paar Jahren vergessen ist? Was soll ich tun? Die ganze Sache absagen?
Nein, geht nicht mehr, zu viel Geld ist schon gesprochen. Durchziehen und hoffen, dass es trotz allem klappt?

Was mache ich mit all den Gewählten, mit denen ich den Film drehen muss?

Echt, ich bin total am Boden, schwarze Wolken ziehen auf, ja, ich verdiene es, im Gewitter zu verenden.
Moment!
Ja, das ist es. Die Idee der Ideen. Wir machen den Film und danach noch das Making of. Ein Doku über die Menschen und ihre Geschichten (auch das ist ein sicherer Wert).
Dazu ein Experiment mit Live-Übertragung und Live News Ticker: Wir schliessen sie in einen leeren Raum, Kameras, Mikrofone ein und schauen, was herauskommt.
Diversity – das ist das Stichwort. Film, TV, Internet, Radio und natürlich die Zeitung für eine tägliche Berichterstattung mit Tiefgang – das wird der Hit. Direkt aus der Hauptstadt, zwei bis drei Sessionen pro Jahr. Ein garantierter Quotenknüller.

 

DatumDatum26. Juni 2015 KategorieKategorieAllgemein

Zeit für eine Pause

Das Handy läutet im dümmsten Moment.
“Entschuldigung!” murmle ich zum Handwerker mir gegenüber.
Sie müsse dringend etwas besprechen, ob ich jetzt Zeit habe.
“Jetzt nicht, bin gerade dran die Renovation der beiden Schulzimmer zu besprechen.” sage ich mit leiser, sehr bestimmter Stimme ins Telefon.
Während ich rede, ärgere ich mich. Da ruft knapp vor halb acht das Bauamt an, die Handwerker seien unterwegs und ich weiss von nichts. Muss kurzfristig alles umstellen. Ohne Vorwarnung.
So beginnt der letzte Tag vor den Ferien.
Und so geht es weiter: Schachteln fehlen, der Schulbus muss noch informiert werden, eine Lehrerin ohne Klasse (war nur ein kleiner Streich), das Budget für das nächste Jahr fehle, der Kopierer – wieder kaputt.

Irgendwie ist es plötzlich Nachmittag um vier. Ich trinke den ersten Kaffee des Tages, setze mich hin und schaue einfach aus dem Fenster.
Ja, jetzt bin ich müde, einfach müde. Alles ist mehr oder weniger gut abgeschlossen, manches wurde fertig, anderes nicht; einiges haben wir gut gemacht, und, nun ja, verschiedenes ging nicht so wie geplant.
Egal, denke ich und wasche die Kaffeetasse ab.

Zeit für eine Pause: von der Schule, von Terminen und Handy und PC. Weg von allem, den Kopf aufräumen.

So gibt es auch eine blogfreie Zeit – schöne Ferien!

DatumDatum19. Juni 2015 KategorieKategorieAllgemein

Velofahren gefährdet die Gesundheit

Er setzt sich neben mich und schaut mich an: „Du, ich habe ein Problem.”
Grosse Pause, gerade habe ich eine Tasse Kaffee herausgelassen. Zögernd blicke ich auf, will etwas sagen in der Art wie: Hat es nicht Zeit bis nach der Pause oder ich bin sicher, das schaffst du auch ohne mich. Doch dann sage ich nichts und lese den Zettel durch, den er vor mich hingelegt hat. Eine Mutter finde es toll, dass die Klasse mit dem Lehrer aufs Eisfeld gehe. Die Information sei jedoch schon etwas kurzfristig und die Fahrt mit dem Velo sehe sie als gefährlich an und nicht gut für die Gesundheit. Sie wolle nicht, dass ihr Kind mit dem Velo zum Eisfeld fahre und werde es mit dem Auto hinkutschieren.
Ich stelle mir den Knaben vor. Ein 5. Klässler, stämmig gebaut, gut integriert in der Knabengruppe, ein fröhlicher Lausbube. Dann schaue ich hoch zum Klassenlehrer, gut 50 Jahre alt, sicher an die 30 Jahre Erfahrung auf der Mittelstufe.
„Und jetzt?” frage ich ihn.
„Es ist das erste Mal, dass ich so etwas erhalte. Ich weiss wirklich nicht, was ich machen soll.”
Eine Lehrerin hat das Ganze mitbekommen: „Und was machst du, wenn du in den Verkehrsgarten fahren musst. Da müssen sie mit dem Velo kommen, und es ist sicher etwa gleich weit.”
Er zuckt mit den Achseln: „Dazu kommt noch, dass der Nachbarsjunge, der Rüdiger, kein Velo hat. Ich weiss, der hat wirklich kein Velo und dort muss die Mutter ihn fahren.”
Der Rüdiger, hochgeschossen, bleiches Gesicht, hellbraune Haare, sagt wenig im Unterricht. Und ich denke: gibt es das, 10 oder 11jährige ohne Velo? Können sich die Eltern dies nicht leisten?
Die Lehrerin meint: „Ich habe ein Ersatzvelo, er kann es von mir aus haben.”
Und die Diskussion beginnt: von überbehütet und der Rüdiger soll sich das Velo auf Weihnachten wünschen bis zu es ist halt schon kalt jetzt im Dezember, man muss dem Wunsch der Mutter entsprechen, wir können dies nicht durchsetzen.
Es läutet. Mein Kaffee ist jetzt kalt. Ich stehe auf, leere die schwarze Brühe in das Lavabo.
„Ach übrigens,” kommt mir da noch in den Sinn. „Was meinte die Mutter mit kurzfristig?”
„Wir wollen morgen in einer Woche aufs Eis.”

DatumDatum11. Januar 2015 KategorieKategorieAllgemein

Das Neuste aus der Zeitung

Endlich Zeit. Nach Weihnachten und Neujahr, dazu schlechtes Wetter. So konnte ich mich mitten am Nachmittag an den Küchentisch setzen, einen Kaffee geniessen und in aller Ruhe die Zeitung studieren.
Das Titelbild der Zeitung zeigt einen Eisbrecher. Dazu die Schlagzeilen: Das Eis ist noch nicht gebrochen. Es wird auf einen Artikel über neue Routen für Transportschiffe durch das Polarmeer verwiesen.
Aha, denke ich, das interessiert mich. Die Nordwestpassage, vor Jahren noch unpassierbar, heute anscheinend weitgehend eisfrei. Ja, das muss ich dann lesen.
Beim Blättern streife ich nur kurz die Schlagzeilen: Regierungsräte sollen Sitzungsgeld nicht mehr lange in bar erhalten.
Richtig. Und ich lese weiter.
Die Präsidentschaftswahlen der USA werfen ihre Schatten voraus, ein Porträt über Chris Christie, der ein aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat sei und vielleicht doch nicht.
Dann noch was über Cristiano Ronaldo.
Da blättere ich sofort weiter, der geht mir so etwas auf den Geist.
Auf der Wissen-Seite bleibe ich hängen. Michael Schumacher, anscheinend versuchen sie eine neue Therapie. Gut, denke ich und lese, dass die Fachwelt uneinig ist, wie der Ex-Rennfahrer behandelt werden soll. Kurz wird rekapituliert, wann er verunfallt war und dass die Ärzte ihn sofort in ein künstliches Koma gelegt haben. Die Körpertemperatur wird dabei auf 34 Grad gehalten.
Dann lese ich weiter, dass ein Knochen entfernt werden soll, damit der Hirndruck abnimmt. Da stocke ich. Hat sich der Hirndruck nun wieder erhöht? Er ist doch zuhause? Hat es da einen Zwischenfall gegeben? Seltsam, habe davon noch nichts gehört.
Die nächsten Worte erklären, dass die ersten 14 Tage entscheidend seien für den weiteren Verlauf.
Ich stocke und suche nach dem Datum der Zeitung: 10. Januar 2014.
Die Zeitung ist fast ein Jahr alt!

DatumDatum5. Dezember 2014 KategorieKategorieAllgemein

Vergiss den Krimi!

Ja, ich gebe es zu. Ich schaue gerne fern. Serien schauen ist ein Hobby von mir. Auch News, wenn es sein muss. Gestern habe ich wieder einmal rumgezappt. Bei einem Krimi bin ich hängengeblieben: Ein Profiler redet in ein Handy, er weint, da er irgendein Pulver eingeatmet hat, das tödlich ist. Er weiss, er wird sterben, darum telefoniert er noch all seinen Kollegen, um ihnen zu sagen, wie gern er sie habe.
Ich habe diese Serie schon gesehen.
Es kommen dann noch Männer in Raumanzügen, saugen überall Pulver auf, suchen nach diversen Fläschchen, der weinende Profiler wird ins Spital gebracht. „Fahr schneller,” sagt dann einmal ein Ärztin dem Krankenwagenfahrer. Der Profiler muss dann doch nicht sterben.
Ich zappe weiter und bleibe bei den lokalen Nachrichten stecken. Eine Schulklasse stellt ihr Projekt vor: Sie wandern von irgendwo in der Schweiz bis nach Isola in Italien. Sie planen alles selber, sammeln Geld, machen ihre eigenen Projekte, wie zum Beispiel einen Fisch fangen und selber zubereiten oder an Weggabelungen ein Kunstobjekt aufstellen aus Naturmaterialien. Ich lehne mich nach vorne, um die Gesichter der Kinder genauer anzuschauen. Sie erzählen mit Begeisterung und die wollen tatsächlich die x Kilometer zu Fuss nach Italien wandern.
Chapeau, denke ich.
Die Nachrichten sind zu Ende. Ich habe keine Lust mehr auf Wiederholungen von Krimis. Irgendwie habe ich gar keine Lust mehr auf TV. Ich setze mich an den Küchentisch, nehme die Landeskarte hervor. Wie weit wäre es von meinem Arbeitsort bis zur Grenze? Welche Pässe müsste ich überwinden, um in den Nachbarkanton zu kommen? Ist das auch etwas für die Familie? Gibt es eine Hütte unterwegs zum Übernachten?
Meine Frau kommt dazu: „Läuft nichts im TV?”
Ich will gerade den Kopf schütteln, dann erzähle ich ihr von diesem Schulprojekt, das habe mich inspiriert und ich überlege gerade, ob wir als Familie etwas Ähnliches unternehmen wollen. Darum sässe ich hier und studiere die Karte.
Den Krimi habe ich vergessen.

DatumDatum24. November 2014 KategorieKategorieAllgemein

Eine Begegnung mit dem Wolf

Die Jagd ist bei uns eine Familientradition. Mein erstes Gewehr habe ich von meinem Vater erhalten. Langer, matt-glänzender Lauf, das Gewehr liegt gut in den Händen. Eines Tages gebe ich sie meinem Sohn weiter.
Was bedeutet es, ein Jäger zu sein? Die vom Unterland wissen nichts und die sogenannten Tierschützer, diese Fanatiker, erst recht nicht. Sie meinen, wir Jäger schiessen auf alles, was sich bewege.  Und jetzt noch dieser verdammte Wolf.
Der Hirsch geht nicht mehr seine gewohnten Wege und versteckt sich. Bis jetzt hat er gespürt, wenn wir unterwegs waren und er hat uns gekannt. Wie auch wir ihn gekannt haben. Manchmal, wenn ich durch den Feldstecher geschaut habe, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Wie wenn der Hirsch wüsste, dass ich ihn beobachte. Ja, hat er mir mit seinem Blick gesagt, es geht gut, wir sind da, wir haben genug zu fressen.
Und jetzt ist diese Ordnung gestört. Wegen dem Wolf.

Heute Morgen früh, es war noch dunkel, ich unterwegs Richtung Maiensäss, es sind sicher zwei Stunden zu Fuss, die Luft hat nach Pilzen und Erde gerochen, nass das Gras, ich höre nur meine Schritte, die Vögel und meinen Atem. Der Himmel verfärbt sich schwarzblau, kurz bevor die Sonne sich an den Horizont tastet, nur eine Ahnung vom kommenden Tag. Ich habe gewartet, wollte schauen, ob die Gemsen immer noch über den Steilhang kommen, die Flanke traversieren und vom Felsen geschützt äsen.
Doch alles ist ruhig.
Ich habe mit dem Feldstecher den ganzen Hang abgesucht, es war schwer, etwas zu erkennen, noch fast zu dunkel, auch wenn der Himmel Minute für Minute heller wurde.
Da. Nein. Nochmals.
Vielleicht bin ich zu früh. Jetzt, ja, da kommen sie. Nur einzeln, vorsichtig, Schritt für Schritt, die vorderste Gemse hebt den Kopf, schaut zurück, ob alle nachkommen, dann überqueren sei den steinigen Hang. Alles ist ruhig.
Wir sehen uns im September, denke ich und will schon weitergehen. Doch aus den Augenwinkeln meine ich eine Bewegung unter dem Felsen zu sehen.
Ist das möglich?  Wer ist da ausser mir und dem Rudel?
Durch den Feldstecher blicke ich direkt in die Augen eines Wolfes. Ich bin sicher, er weiss, dass ich da bin. Jetzt macht er ein Zeichen mit dem Kopf. So, als würde er sagen: Ich gehöre auch hierher und auch wir sehen uns wieder. Im September.

DatumDatum23. Oktober 2014 KategorieKategorieAllgemein

Die Frau mit dem Messer

“Die Frau will uns töten. Sie hat gerufen, sie töte mich.” Das Mädchen schluchzt, sie schreit: “Ich habe Angst. Ich will nach Hause.”

Das war nach der Vormittagspause. Aus dem Fenster des Lehrerzimmers habe ich die Gruppe Mädchen gesehen, wie sie plötzlich über den Rasen gerannt sind und da wusste ich: Da kommt etwas auf mich zu.

Es sind vier oder fünf Mädchen, die die Treppe hochstürmen, alle reden durcheinander. Ich höre nur die Worte: Messer, Blut, eine weisse Maske und Tod.

Nach und nach beruhigen sie sich, ich bringe sie ins Schulzimmer und zur Klassenlehrerin. Ich höre zuerst einmal nur zu: Silvana wollte einen Apfel in den Abfalleimer hinter dem Zaun werfen, nicht getroffen und ist darum über den Zaun geklettert, um ihn zu holen. Da hat sich die Türe des Hauses geöffnet und eine Frau mit einem Messer sei aus dem Haus gekommen. “Ich töte dich, ” habe sie geschrieen. Blut sei im Gesicht gewesen, ein anderes Mädchen sprach von einer weissen Maske. Und alle seien weggesprungen.

Was soll ich tun? Die Aufregung, die Tränen und das Schluchzen – die Angst der Mädchen ist zweifelsohne echt. Ich schaue aus dem Fenster, hinter dem Zaun steht hinter zwei drei Bäumen ein Haus, die Balken hängen in den Angeln, Fenster sind zerbrochen, die Fassade abgeblättert. Ich höre das Haus vor sich hin seufzen. Und wenn da nun wirklich etwas geschehen ist? Einfach so aus der Luft heraus erfinden auch die Mädchen doch nicht Messer und Blut?

Ich müsste noch einen Unterrichtsbesuch machen und eine Beurteilung schreiben. Doch die Sache geht mir nicht aus dem Kopf, so gehe ich zum Haus hin. Es ist von Bäumen umgeben, ein zerfallene Treppe führt zu einer Türe. Will ich da wirklich hinein? Und was sage ich, wenn jemand tatsächlich Zuhause ist? Entschuldigen Sie, die Kinder haben sie gesehen,  mit dem Messer und mit Blut im Gesicht?

Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit. Weit und breit niemand. Immer geht mir durch den Kopf: Und wenn nun wirklich etwas geschehen ist? Alleine will ich da nicht hinein. Ich frage am besten bei der Polizei nach.
Der Streifenwagen ist innert Minuten da. Die Polizistin hört mir zu. Dann: “Ich würde gerne zuerst mit den Mädchen sprechen, damit wir uns ein Bild machen können.”
Sie muss meinen Gesichtsausdruck gesehen haben. Oh nein, dachte ich nämlich, genau das nicht. Nicht eine grosse Geschichte mit Polizei im Haus.
Darum doppelt sie nach: “Wenn jemand da ist, was sollen wir sagen? Sie, haben sie die Kinder bedroht und ein Messer in der Hand gehabt?”

Was soll ich anderes, ich hole die Mädchen. Im Werkraum sind wir ungestört. Und da beginnt es:
“Also das mit dem Messer hat die Salome erfunden.”
“Und das mit dem Blut auch.”
“Aber ein Frau war da, ich habe es gesehen.”
“Also ich habe niemanden gesehen, nur wie du geschrieen hast und dann bin ich mit dir davongerannt.”
“Und die Frau hatte eine weisse Maske an.”

Die Polizistin und ich schauen uns nur an und rollen mit den Augen. Als die Polizei nachher das Haus untersuchte, war niemand da.

 

DatumDatum20. Oktober 2014 KategorieKategorieAllgemein

Die letzten Tage im Herbst

Zu meinen Füssen breitet sich das Tal aus. Wie ein Teppich in einem Spielzimmer: Ein Fluss, tiefblau; Ackerflächen, grüngelb, bereit zum Ernten; Felsen, die aus dem Boden wachsen; Strassen wie Schnüre; Häuser, verstreut.

Ich schreite durch das nasse Grass, die Sonne steht noch nicht hoch. Durch die offene Tür der Hütte höre ich das Wasser kochen, gleich werde ich einen Nescafe trinken, dazu das harte Brot von Vorgestern, es hat noch Käse auf dem Fenstersims und Salsiz.

Heute zersäge ich die letzte Tannen, Holz hacken, die Sense versorgen, um die Hütte herum aufräumen, alles abschliessen.

Im Radio haben sie schlechtes Wetter angesagt, diesmal stimmt es sogar, das merke ich am leichten Luft, der mich frieren macht und an den Schleierwolken am Himmel. Schnee bis 800 m, kalt werde es und der Winter künde sich an.

Ich setze mich mit dem Rücken an die Holzwand und schliesse die Augen. Tief atme ich ein, es riecht nach frisch aufgewühlter Erde, nach Holz in der Sonne, ich habe Zeit, kein Computer wartet, eine Uhr habe ich nicht, auch kein Handy oder eine Agenda. Es ist der letzte Tag hier oben. Morgen, morgen bin ich wieder unten im Tal und morgen ist alles wieder anders.