Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum20. Oktober 2014 KategorieKategorieAllgemein

Die letzten Tage im Herbst

Zu meinen Füssen breitet sich das Tal aus. Wie ein Teppich in einem Spielzimmer: Ein Fluss, tiefblau; Ackerflächen, grüngelb, bereit zum Ernten; Felsen, die aus dem Boden wachsen; Strassen wie Schnüre; Häuser, verstreut.

Ich schreite durch das nasse Grass, die Sonne steht noch nicht hoch. Durch die offene Tür der Hütte höre ich das Wasser kochen, gleich werde ich einen Nescafe trinken, dazu das harte Brot von Vorgestern, es hat noch Käse auf dem Fenstersims und Salsiz.

Heute zersäge ich die letzte Tannen, Holz hacken, die Sense versorgen, um die Hütte herum aufräumen, alles abschliessen.

Im Radio haben sie schlechtes Wetter angesagt, diesmal stimmt es sogar, das merke ich am leichten Luft, der mich frieren macht und an den Schleierwolken am Himmel. Schnee bis 800 m, kalt werde es und der Winter künde sich an.

Ich setze mich mit dem Rücken an die Holzwand und schliesse die Augen. Tief atme ich ein, es riecht nach frisch aufgewühlter Erde, nach Holz in der Sonne, ich habe Zeit, kein Computer wartet, eine Uhr habe ich nicht, auch kein Handy oder eine Agenda. Es ist der letzte Tag hier oben. Morgen, morgen bin ich wieder unten im Tal und morgen ist alles wieder anders.

DatumDatum4. September 2014 KategorieKategorieAllgemein

Was ich weiss und nicht wissen will

Es ist schon so, dass ich am Morgen die Welt nur verschwommen sehe. Ein Kaffee und ich erkenne wenigstens die Apps, die ich drücken muss, um die neusten Nachrichten zu lesen. Wobei, gerade bevor ich da den Tagi-App drücke, blinkt die Schlagzeile oben am Bildschirm. Das muss ich lesen, ob ich will oder nicht: Wawrinka verliert gegen Nashihori (oder ähnlich – sie wissen, es ist noch dunkel draussen). Dann dreht der Balken, eine neue Schlagzeile: Russland marschiert in die Ukraine ein.
Der Kaffee dampft, das Licht flackert, ich stehe noch, das iPad in der Hand. Schaue nochmals die Schlagzeilen an.
Dann endlich setze ich mich, stelle den Kaffee vorsichtig auf den Tisch und will mehr wissen, was mit Russland und dem angekündigten Einmarsch los ist. Das App öffnet sich, die grossen Lettern springen mich an, ein Bild von einem verzweifelten Gesicht. Wawrinka in betender Position, die Mundwinkel nach unten, die Augen weit aufgerissen, als könne er es nicht glauben.

Ich denke: Hat er gerade erfahren, dass Russland in die Ukraine einmarschiert ist?

Im Hintergrund sieht man die Coaching Box (das heisst doch so?) mit seinem Trainer, der die Hände vor das Gesicht geschlagen hat, ein anderer schaut auf die Seite, als könne er dem verzweifelten Tennisstar nicht mehr zusehen.

Ja, es muss ein Ereignis von grosser Tragweite sein. Etwas, das im Minimum Europa in den Grundfesten erschüttert und prägen wird. Vielleicht der Anfang von etwas Grossem, Schrecklichem. Vielleicht ist auch, dass Wawrinka gerade mitbekommen hat, dass Brad Pitt und Angelina Jolie geheiratet haben oder Christa Rigozzi im falschen Kleid moderiert hat oder was ich sonst noch erfahre, ob ich will oder nicht.
Ich nehme einen Schluck Kaffee, er brennt auf der Zunge, bitter heute Morgen, wahrscheinlich wieder die Milch vergessen. Werde ich später einmal als Grossvater meinen Enkeln erzählen, dass ich mir an diesem geschichtsträchtigen Tag die Lippen verbrannt habe? Ich scrolle weiter nach unten, lese den Artikel zum Bild. Wawrinka hat nur ein Spiel verloren, irgendwo in den USA.
Und was ist mit Russland und der Ukraine?
Da findet sich ein kleiner Artikel ohne Bild, dass die Russen die Grenze der Ostukraine überschritten hätten und nun mit zwei Divisionen Richtung Kiew marschieren würden.

DatumDatum13. Mai 2014 KategorieKategorieAllgemein

Zen selbstgemacht

Letzthin wischte ich das Kies von der Strasse auf unseren Parkplatz. Da bemerkte ich, dass der Kiesparkplatz uneben war. Im Keller holte ich den Eisenrechen, und begann den Platz auszugleichen. Ruhig zog ich den Rechen über das Kies, versuchte die Hügel abzutragen, beugte mich vor, um zu sehen, ob es nun schön flach war. Da, auf der Seite, mit dem Rechen sanft darüberstreichen, die Kieselsteine drehen sich so, wie ich es will. Immer mehr und mit grossen Bögen streiche ich den Platz glatt, es gibt Rillen, dann beginne ich Höhenkurven in den Kies zu drücken. Wenn ich genauer hinschaue, erinnert mich der Rand des Kiesplatzes, dort, wo er in eine Mauer hinübergeht, an ein Ufer, an Klippen und Felsen. Also versuche ich das Muster in das Kies zu zeichnen. Wie Wellen im Meer, die sich in der Weite verlieren.
Bin ich fertig? Die Dämmerung ist eingebrochen. Die Kieslandschaft wird zur Prärie, dann wird es Nacht.
Ich sitze immer noch auf der Treppe vor dem Haus, starre in die Dunkelheit und sehe Bilder von früher vor mir. Reisebilder, vor langer Zeit:
Ein Holzhaus wie ein Stall, leer, ich sitze auf einer Art Terrasse, die Schuhe ausgezogen. Der Garten besteht aus Kies, nur unterbrochen von grossen Steinbrocken und kleinen Bäumen. Mitten auf dem Kies steht ein Mann, langsam fährt er mit dem Rechen über die Steinchen, er bewegt sich fast nicht und doch steht er bald da und bald dort. Fast geräuschlos, ich sitze da und schaue.

Kyoto 2001

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