Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum13. Mai 2014 KategorieKategorieAllgemein

Zen selbstgemacht

Letzthin wischte ich das Kies von der Strasse auf unseren Parkplatz. Da bemerkte ich, dass der Kiesparkplatz uneben war. Im Keller holte ich den Eisenrechen, und begann den Platz auszugleichen. Ruhig zog ich den Rechen über das Kies, versuchte die Hügel abzutragen, beugte mich vor, um zu sehen, ob es nun schön flach war. Da, auf der Seite, mit dem Rechen sanft darüberstreichen, die Kieselsteine drehen sich so, wie ich es will. Immer mehr und mit grossen Bögen streiche ich den Platz glatt, es gibt Rillen, dann beginne ich Höhenkurven in den Kies zu drücken. Wenn ich genauer hinschaue, erinnert mich der Rand des Kiesplatzes, dort, wo er in eine Mauer hinübergeht, an ein Ufer, an Klippen und Felsen. Also versuche ich das Muster in das Kies zu zeichnen. Wie Wellen im Meer, die sich in der Weite verlieren.
Bin ich fertig? Die Dämmerung ist eingebrochen. Die Kieslandschaft wird zur Prärie, dann wird es Nacht.
Ich sitze immer noch auf der Treppe vor dem Haus, starre in die Dunkelheit und sehe Bilder von früher vor mir. Reisebilder, vor langer Zeit:
Ein Holzhaus wie ein Stall, leer, ich sitze auf einer Art Terrasse, die Schuhe ausgezogen. Der Garten besteht aus Kies, nur unterbrochen von grossen Steinbrocken und kleinen Bäumen. Mitten auf dem Kies steht ein Mann, langsam fährt er mit dem Rechen über die Steinchen, er bewegt sich fast nicht und doch steht er bald da und bald dort. Fast geräuschlos, ich sitze da und schaue.

Kyoto 2001