Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum19. Juni 2015 KategorieKategorieAllgemein

Velofahren gefährdet die Gesundheit

Er setzt sich neben mich und schaut mich an: „Du, ich habe ein Problem.”
Grosse Pause, gerade habe ich eine Tasse Kaffee herausgelassen. Zögernd blicke ich auf, will etwas sagen in der Art wie: Hat es nicht Zeit bis nach der Pause oder ich bin sicher, das schaffst du auch ohne mich. Doch dann sage ich nichts und lese den Zettel durch, den er vor mich hingelegt hat. Eine Mutter finde es toll, dass die Klasse mit dem Lehrer aufs Eisfeld gehe. Die Information sei jedoch schon etwas kurzfristig und die Fahrt mit dem Velo sehe sie als gefährlich an und nicht gut für die Gesundheit. Sie wolle nicht, dass ihr Kind mit dem Velo zum Eisfeld fahre und werde es mit dem Auto hinkutschieren.
Ich stelle mir den Knaben vor. Ein 5. Klässler, stämmig gebaut, gut integriert in der Knabengruppe, ein fröhlicher Lausbube. Dann schaue ich hoch zum Klassenlehrer, gut 50 Jahre alt, sicher an die 30 Jahre Erfahrung auf der Mittelstufe.
„Und jetzt?” frage ich ihn.
„Es ist das erste Mal, dass ich so etwas erhalte. Ich weiss wirklich nicht, was ich machen soll.”
Eine Lehrerin hat das Ganze mitbekommen: „Und was machst du, wenn du in den Verkehrsgarten fahren musst. Da müssen sie mit dem Velo kommen, und es ist sicher etwa gleich weit.”
Er zuckt mit den Achseln: „Dazu kommt noch, dass der Nachbarsjunge, der Rüdiger, kein Velo hat. Ich weiss, der hat wirklich kein Velo und dort muss die Mutter ihn fahren.”
Der Rüdiger, hochgeschossen, bleiches Gesicht, hellbraune Haare, sagt wenig im Unterricht. Und ich denke: gibt es das, 10 oder 11jährige ohne Velo? Können sich die Eltern dies nicht leisten?
Die Lehrerin meint: „Ich habe ein Ersatzvelo, er kann es von mir aus haben.”
Und die Diskussion beginnt: von überbehütet und der Rüdiger soll sich das Velo auf Weihnachten wünschen bis zu es ist halt schon kalt jetzt im Dezember, man muss dem Wunsch der Mutter entsprechen, wir können dies nicht durchsetzen.
Es läutet. Mein Kaffee ist jetzt kalt. Ich stehe auf, leere die schwarze Brühe in das Lavabo.
„Ach übrigens,” kommt mir da noch in den Sinn. „Was meinte die Mutter mit kurzfristig?”
„Wir wollen morgen in einer Woche aufs Eis.”