Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum29. Oktober 2017 KategorieKategorieAllgemein

Letzthin

Papiersammlung der Schule. Da weiss ich, so ab dem späten Nachmittag kommen die Telefonate, man habe wieder die Zeitungsbündel vergessen einzusammeln oder warum niemand vorbeikäme, schon das letzte Mal habe man alles wieder in den Keller versorgen müssen.
Es läutet, zuverlässig wie der erste Schneefall im Oktober.
Diesmal ist es eine ältere Dame. Sie hat mir gesagt, dass die Nachbarn am Haus etwas machen, vielleicht habe man darum die Zeitungen nicht beachtet. Ich versichere ihr, dass ich spätestens in einer halben Stunde bei ihr sei.

Es ist ein Chalet wie aus einem Prospekt, mit Geranien und so. Eine elegant gekleidete Dame steht auf dem Balkon und winkt mir zu. Sie sei eben auch früher Lehrerin gewesen, vor zwanzig Jahren, und ob ich den Müller noch kenne. So geht es wie ein Tennis-Match hin und her. Sie erzählt, dass auch ihr Mann Lehrer gewesen sei und mir schneiden die Schnüre schon in die Handflächen, da ich die beiden Papierbündel zu früh aufgenommen habe.
Es gehe ihr gut, obwohl ihr Mann jetzt auch schon zwanzig Jahre tot sei.
“Gut”, antworte ich. Irgendwie wollte ich das Gespräch abkürzen, sehe wie sie mit dem Kopf zuckt, sie rückt das Kinn vor, stiert mich an, so, um zu erkennen, was ich mit diesem “Gut” meine.
Ich räuspere mich, will noch etwas ergänzen im Sinne von: das könne man jetzt falsch verstehen und ich wollte nur ausdrücken, dass es ihr trotz dem Tod ihres Mannes sicher sehr gut gehe. Doch auch das hat die Gefahr, falsch verstanden zu werden.
“Nun muss ich aber”, kommt es aus meinem Mund und ich hebe einen Arm, um zu zeigen, aus welchem Grund ich hier stehe. Sie drückt ihren Rücken wieder gerade, sagt, dass ich der Lehrerin Schmid noch einen Gruss ausrichten soll. Dann darf ich gehen.