Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum19. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 6.

Donnerstag, 19. März 2020.
Mein Tag-Nachtrhythmus ist aus den Fugen. Am Tag 5 hing ich den ganzen Tag am Telefon oder war im Gespräch, selbstverständlich mit dem gebührenden Abstand. Ein Tag im Chaos-Modus. Erst am Abend bemerkte ich, wie kaputt ich war. So ging ich schon um 21.00 Uhr ins Bett und bin sofort eingeschlafen. Jetzt ist es 02.58 Uhr. Ich bin wach. Alles ruhig. Gehe schnell die Zeitungsmeldungen durch. Nicht nur wir in der Schule sind im Chaos-Modus: Schmerzmittel rationiert, Swisscom überlastet, ÖV wird runtergefahren, Flugbetrieb fast eingestellt, Milliarden für die Wirtschaft; und stell dir vor, jemand hätte vor zwei Wochen gesagt, dass die Senioren bei schönstem Frühlingswetter gefälligst zuhause bleiben sollen!
Ich trinke ein Glas Milch und da kommt mir meine erste Stelle als Lehrer in den Sinn. Ich unterrichtete eine Gesamtschule in Feldis. An meinem ersten Elternabend wollte ich zeigen, was wir in der Schule alles leisten und, bitte nicht lachen jetzt, ich machte ein Diktat mit den Eltern. Das Wort Rhythmus hat meine Erinnerung daran zurückgebracht, denn es war im Diktat auch dabei. Natürlich kontrollierten die Eltern ihr Diktat selbst und wahrscheinlich erzählte ich etwas von regelmässig üben. Stell dir vor, ich würde heute an einem Elternabend ein Diktat machen?
An meiner zweiten Stelle in Trin organisierten wir einen gemeinsamen Elternabend von der 1. bis zu 6. Klasse, da sollte ich die Eltern begrüssen. Einfach, dachte ich, und als ich die Aula betrat, mich irgendwo festhalten wollte und nur die Bühne hinter spürte, besser gesagt, die Kante der Bühnenelemente knapp oberhalb der Kniekehlen, waren meine Hände schweissnass und die zwei Sätze, die ich vorbereitet hatte, ich weiss nicht, ob mich überhaupt jemand verstand. Furchtbar.
Jede Erfahrung half mir, es beim nächsten Mal besser zu machen, vielleicht noch nicht gut, doch immerhin. Und manchmal mache ich es trotzdem schlechter als vorher. So führten wir an der Schweizerschule Singapur irgendwo in einem Park ein Theater auf. Mit Picknick und so. Es war irgendein Abschlussabend. Vor Jahren hatte ich sehr erfolgreich einen Theaterabend organisiert und ich war sicher, dass ich das aus dem Ärmel schüttle. So kam es denn auch. Richtig schlecht, irgendeine Pantomime, bei der niemand draus kam. Schülerinnen, die mit einem Leintuch etwas vorführten, Schüler, die mit Taschenlampen eine Botschaft in die Luft malten. Doch es war noch nicht dunkel, man sah nur Kinder, die mit etwas in den Händen in der Luft herumfuchtelten.
Na, ja.
Trotz Chaos, trotz Unzulänglichkeiten, trotz fehlender Kontrolle. Wir sind unsicher, es geschieht einfach, ohne dass wir selber viel dazu machen können. Und doch: wir lernen. Die Erfahrung hilft uns nicht, es immer besser zu machen. Doch sie hilft, dass wir selber gelassener, entspannter mit der neuen Situation umgehen können. Denn die Erfahrung sagt: Wir kommen da durch. Es geht vorbei.