Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum16. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 3

Montag, 16. März 2020.
03.19 Uhr. Bin wach. Ich werde nicht mehr einschlafen. Versuche zu schlucken. Langsam stehe ich auf. Im Bad trinke ich etwas Wasser. Es ist nicht besser. Halsschmerzen. Ich gurgle mit Kamillosan. Im Spiegel sehe ich alt aus. Risikogruppe? Langsam tappe ich zurück ins Schlafzimmer. Da höre ich einen Helikopter. Es ist nicht die Rega. Die erkenne ich an ihrem Rattern. Dieses hier ist ein tiefes Brummen. Fliegt das Militär ein? Wird der Notstand ausgerufen? Alle werden nach Hause geschickt?
05.57 Uhr: Habe ich wirklich geschlafen? Und: die Halsschmerzen? Ich stehe auf. Unter der Dusche wasche ich mir den Schlaf vom Körper, ich gurgle, will keine Halsschmerzen haben. Doch ich kontrolliere mich unbewusst: Husten? Nein. Gliederschmerzen. Ja. Vom Laufen und Kämpfen im Schnee gestern? Kurzatmigkeit: Ja. Das habe ich schon länger.
Auf der Fahrt hat es gleich viel Verkehr wie sonst um diese Zeit. Das sagt jedoch noch wenig aus. Der Parkplatz ist leer. Wird das nun der Alltag sein?
Auf dem Schulareal treffe ich nur den Schulleiter der Oberstufe. Wir halten Abstand. Kurze Besprechung über das weitere Vorgehen. Wie immer: Risikoeinschätzung. Darum Absage aller gemeinsamen Veranstaltungen. Immer das Worst-Case Szenario im Kopf: Ansteckung, weitergeben, krank und im schlimmsten Fall Tod. Der Entscheid ist klar.
Und gleichzeitig vermisse ich den Austausch mit den anderen.
Allein im Büro versuche ich die Mails zu beantworten. Das Schluckweh ist immer noch da. Ich greife mir an die Stirn. Warum schwitze ich? Muss ich mich testen lassen? Mein Hausarzt ist nicht erreichbar. Besetzt. Ich schimpfe mit mir: Unsinnig. Bin ein Hypochonder. Wo sollte ich mich angesteckt haben? Und wenn ich infiziert bin, dann ist die ganze Familie betroffen, die ganze Schule, da habe ich mich doch im Zug festgehalten, war noch im Migros, den Korb in der Hand, das Bargeld, die Cumulus-Karte…Hör auf, hör jetzt sofort auf. Ich muss aufstehen, mich bewegen, treffe den Hauswart, wir grüssen uns, kurz, er erklärt mir, dass er auf die automatische Schulschliessung umgestellt hat. Ich nicke und gehe weiter zur Betreuung. Vier Kinder. Ich versuche, etwas gute Laune zu verbreiten. Doch sie würden lieber in die Schule gehen. Draussen ist warm. Frühling. Ein Tag zum Singen.