Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum4. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 21.

Freitag, 3. April 2020.

Es ist frisch heute morgen. Ich wollte mit dem Auto zum Fürstenwald fahren, um dort eine Vita-Parcours Runde zu laufen. Meine Frau hat nur den Kopf geschüttelt. Mit dem Auto zum Laufen fahren?
So laufe ich also hoch zum Fürstenwald. Die Strecke ist im Kopf länger als sie tatsächlich ist. Es ist ein Freitagmorgen wie immer, und doch ist alles ganz anders. Das Licht ist greller, die Luft sticht in der Lunge, die Leute grüssen auf der Strasse, sie murmeln einen Morgengruss und schauen dann weg, die meisten mit einem Hund unterwegs. Auf der Höhe des Waldes höre ich Alphorntöne, keine Halluzination, tatsächlich steht einer dort und bläst ins Horn. Ich winke ihm zu und kurz gerät er aus dem Takt.
Ganz langsam beginne ich zu laufen. Bin ganz alleine im Fürstenwald, ich fühle mich mit jedem Schritt besser, bin voller Energie, achte auf den Weg. Die ersten Übungsposten lasse ich aus. Es sind nur fünf Übungsposten, bei denen ich halte. Die erste ist die Reckstange. Ich hangle einen Moment daran, Dehnungsübung, und wie ich so an der Stange hange, spüre ich, wie ich jede Sekunde einen Zentimeter länger werde. Nach der Übung bin ich sicher zwei Meter gross. Die nächste Übung sind die Ringe. Zuerst schwingen. Ich kann mich kaum halten, die Hände saugen die Kälte der Ringe auf. Ich schüttle sie, fluche leise und wärme sie kurz auf. Habe meine Fitness längere Zeit vernachlässigt. Schaffe ich das Hochheben der Knie? Erstaunlicherweise ganz einfach, nur an den Unterarmen zieht es, die Schultern zittern. Nicht schlecht, denke ich und laufe zur nächsten Übung: Liegestütze verkehrt am Barren. Dabei schaue ich in den Himmel, etwas grau heute. Dann geht es weiter, der Weg ist steil und ich versuche gleichmässig zu atmen, nur kleine Schritte bis ich zu meiner Lieblingsübung komme: Die Bank.
Nein, nein, nicht zum Draufsitzen. Zum Draufliegen.
Also, auch das ist missverständlich.
Ich muss mich schon auf die Bank legen. Auch ruhe ich mich einen Moment aus, bevor ich mit den Übungen beginne. Dann blicke den vier Baumstämmen hoch, zwei Buchen, eine Tanne und eine Föhre. Wie dünne Finger strecken sie ihre Äste aus, es sieht aus, als berührten sich die Finger und spannen ein Netz über mir. Alles ist ruhig, die Bäume schützen mich. Erst als ich merke, dass sich die Kälte durch die dünne Jacke schleicht, mache ich die drei Rumpf- und Rückenübungen, renne weiter, ganz locker und zufrieden. Die letzte Übung ist Liegestütze vorwärts und rückwärts an einem Holzlattengestell. Ich laufe weiter bis zum Friedhof. Beim Grab meines Vaters bleibe ich stehen. War schon lange nicht mehr hier. Darum erzähle ich ihm, was in den letzten Wochen geschehen ist, so, als würde er auf der Mauer sitzen und zuhören. Auch bei der Grabplatte von Tante Carmen bleibe ich stehen. Ich sehe die Bilder vor mir, aus früheren Zeiten. Habe ich sie wirklich gekannt? Was wusste ich von ihr? Oder anders gefragt, was wusste ich alles nicht?