Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum14. März 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 1.

Es ist ein Tag wie jeder andere auch. Samstag, 14. März 2020. Und es ist ein Tag, an dem alles anders ist. Hast du einmal einen Steinrutsch erlebt? Ein Stein, vielleicht nur ein Kiesel, trifft auf einen anderen, die zwei rollen auf andere Steine auf, ein Dutzend Steine in Bewegung und man weiss, jetzt könnte man alles noch aufhalten, noch stoppen. Doch in dem Moment, in dem man dies denkt, sind es Hunderte von Steinen, der Lärm schmerzt in den Ohren, man will wegrennen, denn jetzt ist es ein ganzer Hang voller Steine, es rauscht und rasselt, es knallt und kracht und man kann nichts tun.
So ist es heute. Die ganze Gesellschaft befindet sich in Bewegung und ich weiss nicht, wann es ein Halten gibt.
Ich bin in Chur, die Busse fahren, ich treffe einen Lehrer, er wollte skifahren, jetzt hat er einen Schlitten dabei. Er wisse noch nicht, was ihn nächste Woche erwarte. In der Stadt, die Bibliothek ist voll wie ein Laden bei Ausverkauf. Ein Vater mit seinen Kindern, er könne Home-Office machen, die Tochter muss mit der DVD zum Schalter, sie hätten schon zu viele, sie können nicht mehr mitnehmen. Neben der Bibliothek stehen sie Schlange zum Kaffee. Ich überquere die Strasse, viele Leute wie halt am Samstag, zwei, die sich zur Begrüssung umarmen, ein Handschlag da, ein Küsschen dort, keine Gesichtsmasken. Alles normal.
Wie hat es begonnen? Einige Zeilen in der Zeitung: Ein Virus in China. Ich dachte, das hatten wir schon und wird auch wieder schnell weg sein. Dann kam die Sache ins Rollen. Die ersten Toten, das Schliessen der offenen Märkte, plötzlich eine Stadt abgeriegelt. Und ich war sicher: Weit weg. China. Das kennen wir doch. Und das ist dann bald einmal keine Druckerschwärze mehr wert.
Meine ganz persönliche Arroganz. Die Arroganz der Europäer.
Alles kam ins Rutschen: Italien. Und wer dachte dabei nicht: Ja klar, Italien. Wo denn sonst in Europa?
Wir stehen mitten im Steinschlag: Die Wirtschaft, die Börse, keine Grenzen mehr für das Virus.
Und da stehe ich in der Stadt, alle wissen es und doch, ein Tag wie jeder andere?
Ist es das letzte Mal, hier in der Stadt? Wie sieht es in einer Woche aus?