Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum26. Oktober 2018 KategorieKategorieAllgemein

Esk’et Rodeo, Alkali Lake, British Columbia, Kanada

Die Lebenskrise erwischte mich, als ich um die Ecke bog und vor der Tür stand, in die ich seit Jahren fast täglich ein- und ausgehe. „Was soll das!“, schrie sie mich an. „Hast du vor, noch einige tausend Male diesen Weg zu gehen, um dann nicht zu wissen, was du mit dem Rest des Lebens anfangen sollst? Oder eines Tages feststellst, dass es zu spät ist und du dein Leben verpasst hast?“ Ich hatte schon gespürt, wie sich die Lebenskrise langsam anpirschte. Eines Abends lag sie unter der Fernbedienung des TV-Gerätes. „Vergeudest du nicht deine Zeit?“, fragte sie mich, als ich den Abend wegzappte. Oder sie hatte sich im Kühlschrank versteckt. „Ist das jetzt das dritte oder das vierte Bier?“, flüsterte sie und schaute mir tief in die Augen, so dass ich das Bier zurückstellte. Nur um es wieder zu holen, als die Krise sich irgendwo im Schatten schlafen gelegt hatte. Und als ich einen Youtube-Film anklickte, sang mir die Lebenskrise einen Refrain vor:
Was soll das?
Was soll das sein: Leben?
Hast du einen Plan?
Ich gab mir alle Mühe, die Lebenskrise nicht zu sehen und nicht zu hören. Doch an diesem ganz gewöhnlichen Dienstagmorgen schaffte ich es nicht. Wie angewurzelt stand ich vor der Türe wie immer, den Schlüssel schon in der Hand und wollte die Türfalle drücken. Doch anstelle des Arms bewegten sich meine Beine. Sie machten rechtsumkehrt und marschierten davon. Ich musste mit und als ich die Beine zurechtweisen wollte, was ihnen eigentlich einfalle, sich selbständig zu machen, da stand ich schon vor dem Billettschalter: Zürich Flughafen, einfach!
Im Flughafen bewegte ich mich durch die verschiedenen Etagen wie in einem schallgedämpften Raum. Die Geräusche trafen mit Verzögerung auf meine Ohren, die Töne weich und gedehnt, auch die Lichter, wie durch milchiges Glas. Ich hörte die Ansagen ohne den Inhalt zu verstehen, die Menschen bewegten sich in Zeitlupe. Ich holte mir einen Saft und setzte mich an einen freien Tisch. Da schlenderte die Krise auf mich zu, sie lachte: „Und jetzt?“ Da setzte mit einem Mal der Lärm ein, das Geplapper der Leute, das Geklirre von Teller und Tassen, das Quietschen von Schuhen und Koffern. Ich schaute meiner Krise fest in die Augen: „Dieser Platz ist besetzt!“ Und legte meine Arbeitsmappe auf den Stuhl gegenüber. Beleidigt zog die Lebenskrise davon. Wahrscheinlich suchte sie eine neue Beschäftigung. Ich aber studierte die Anzeigetafeln und nippte immer wieder am Glas.
London, Paris, Barcelona? Das ist zu nahe, zu europäisch.
Moskau, St. Petersburg? Ich will nicht nach Russland.
Istanbul? Zu unsicher.
Vielleicht weiter nach Osten: Bangkok, Singapur, Tokio?
Ich liess mir die Namen auf der Zunge vergehen. Sie schmeckten wie eine Speise, die ich noch nie vorher probiert hatte. Doch finde ich dort eine Antwort? Vielleicht muss es auch nicht ein bestimmter Ort sein. Ich nippte am Glas und schaute mich um. All die unterschiedlichen Menschen, alle irgendwohin unterwegs und wie verschieden sie gekleidet waren. Ein farbiger Poncho erinnerte mich an früher, an meine Verkleidung an der Fasnacht: Ich musste immer ein Cowboy sein, mit einem Filzhut und einer Pistole in der Hand. Peng, peng, peng, es roch nach verbranntem Pulver und rauchte ein wenig. Doch mein Bruder stürzte sich auf mich und stiess mir das Messer zwischen die Rippen. Obwohl sich die Plastikklinge verbog, spürte ich den Stich. Ich wäre auch lieber ein Indianer gewesen, schnell und leise mit einem gestickten Stirnband, einer Halskette mit einem Zahn eines wilden Tieres und einem langen Messer.
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die Lösung für mich kommt von aussen, von jemandem, der frei ist, mich nicht enttäuschen kann oder mir schmeicheln will. Einer, der etwas sieht, was ich nicht sehen kann. Und als ich nun Vancouver auf der Anzeigetafel aufleuchten sah, da wusste ich: Die Antwort finde ich bei den Indianern.

Doch so einfach war es nicht. Es empfing mich kein Schamane am Flughafen, der Taxifahrer antwortete nicht auf meine Fragen und im Hotel lächelte man freundlich und zeigte mir, wo ich die Sehenswürdigkeiten der Stadt finde. „Nun denn“, dachte ich, „so muss es wohl sein.“ Ich mietete ein Auto und fuhr Richtung Norden, den Flüssen entlang. An einem grossen stillen See beobachtete ich einen Weisskopfseeadler. Ruhig sass er auf der Spitze einer abgebrochenen Föhre, drehte dann und wann den Kopf und schaute ernst. „Natürlich, die Natur zeigt mir den Weg“, ging es mir durch den Kopf, „folge den Zeichen der Natur.“ Und kaum hatte ich dies gedacht, da erhob er sich, zwei, drei Flügelschläge und er war verschwunden. In der Nacht hörte ich Kojoten heulen und war überzeugt, dass ich auf dem richtigen Weg war.
Einmal übernachtete ich auf einem Campingplatz an einem See. Ich hatte mir ein Bungalow gemietet, konnte am Abend am Feuer sitzen und einfach zuschauen, wie sich das helle Blau des Sees in eine schwarze Fläche verwandelte. Mit dem Besitzer des Campings wechselte ich einige Worte und fragte ihn dann nach den Indianern. Er verzog die Mundwinkel. First Nation People, heisse das, und es sei ein schwieriges Kapitel. Mehr mochte er nicht dazu sagen. So zog ich weiter. Unterwegs machte ich dann und wann längere Pausen. Ich setzte mich in ein Café, ass etwas und schwatzte mit den Kellnerinnen. Auch blätterte ich die lokalen Zeitungsblätter durch. Da fiel mein Blick auf eine ganzseitige Anzeige: Esk’et Rodeo stand da in grossen Lettern, dazu ein Bild von einem Cowboy auf einem wilden Pferd. Unten stand, dass die Alkali Lake First Nation People Association das Ganze organisiere. Da wusste ich, meine Suche geht dem Ende entgegen.

Der Weg zum Rodeo führte über eine unbefestigte Strasse, ich schluckte zwei Stunden Staub, dann bog der Weg in ein Waldstück. Nach ein paar Hundert Metern öffnete sich der Wald, ich fuhr in eine grosse Lichtung, die Pferdetransporter schön in Reih und Glied parkiert. In den verschiedenen Viehgattern erkannte ich Pferde und Rinder. Am Hang war eine Holztribüne aufgestellt, ein Halbrund um einen sandbedeckten Platz. Von irgendwoher hörte ich einen Speaker, der die kanadische Hymne ankündigte. Ein Mädchen sang und die Reiter zogen hinter der kanadischen Flagge in die Arena. Neben mir sass eine Gruppe junger Mädchen. Sie schauten gespannt auf die Bullen, die versuchten, junge Burschen abzuschütteln, klatschten, als es einem gelang, länger als acht Sekunden oben zu bleiben und hielten den Atem an, wenn einer abgeworfen wurde und zwei andere das wilde Tier wegscheuchten. Wieder hörte ich das Quietschen des Metallgitters, die Kraft des Bullen explodierte, Sand stob in alle Richtungen, der Junge auf dem Rücken wurde heruntergeschleudert, eine junge Frau schrie auf, als der Bulle auf dem Gestürzten herumtanzte. Dann war es still. Zwei Cowboys schleppten den Verletzten aus der Arena. Von irgendwoher kam nun ein Kalb in die Arena gestürzt, zwei Reiter fingen es wieder mit dem Lasso ein. Ich beobachtete, wie der Verletzte zu einem Tipi getragen wurde, während die Show weiterging. Kurz darauf kam der Unglückliche wieder heraus, noch etwas wackelig auf den Beinen, doch er konnte ohne Hilfe gehen. Da stand ich auf und näherte mich langsam dem Zelt. Es war so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte: Ein weisses Tuch, fest über die Stangen gespannt, die oben herausragten. Beim Näherkommen erkannte ich die Zeichnung einer Krähe über dem Eingang. „Holla“, rief ich als wäre ich Zuhause. Vorsichtig schob ich das Tuch beiseite. Eine alte Frau sass in einem Campingstuhl, sie schaute mich mit ihren grossen Augen an, zwei weisse Zöpfe umrahmten ihr rundes Gesicht und in der Hand hielt sie eine Zigarette. Als sie mich sah, grinste sie. Sie nahm einen langen Zug und blies den Rauch in meine Richtung. Es roch nach Kräutern, nach Wald und Feuer. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich Hilfe brauchte, jemanden, der mir eine Richtung im Leben gab, eine Leidenschaft, für das es sich zu leben lohnte. Sie sagte nichts, ich verhaspelte mich und war nicht sicher, ob sie mich verstand.

Da begann sie zu husten: „It’s okay, it’s okay.“
Ich holte tief Luft und setzte mich auf den Stuhl ihr gegenüber. Plötzlich war ich müde. Lag es an dem Rauch? War es an der Gewissheit, dass alles okay war? „Can you ride a horse? “
Ich schüttelte nur den Kopf. Meine Augenlider waren schwer.
„Do you feel at home? “
Bilder meiner Reise zogen an mir vorbei, der Weisskopfseeadler, die Streifenhörnchen, der Kojote, der mir fast unter das Auto geriet, die Mückenschwärme, die Seen und Wasserfälle.
„Have you met somebody?”
Sie kicherte. Ich hörte, wie sie wieder einen Zug nahm, der süssliche Rauch kitzelte in meiner Nase. Plötzlich musste ich niesen und ich fühlte mich erfrischt und wach.
„Listen.“ sagte sie und beugte sich zu mir hin, „my girl likes rodeo. I help her to do as good as she can.” Ihre Stimme drang tief in mich hinein. „But why do you think, I could help you?“
Sie blickte mich lange an und ich sah meine Grossmutter vor mir. Wie sie auf der Bank vor ihrem alten Holzhaus sass und wenn ich sie besuchte, bat sie mich in die Wohnstube. Der Schieferofen war warm und es roch nach getrockneten Apfelstücken. Manchmal spielten wir Karten und manchmal redeten wir. Da wusste ich, wo ich meine Antworten finden werde.
Am nächsten Tag sass ich im Flugzeug auf dem Weg nach Hause.