Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum29. Januar 2016 KategorieKategorieAllgemein

Eine Partei, eine Sekte

Da habe ich im Cafe Maron gerade ein Sandwich für das Mittagessen gekauft, schaue auf die Bahnhofsuhr, 8 Minuten bis der Zug losfährt, überlege kurz, ob es noch für einen Milchkaffe take away reicht, da drückt mir jemand eine Broschüre in die Hand. Ich schaue auf, ein nettes Gesicht, sie lächelt, blonde Locken fallen auf ihre Schultern, sie schaut mir in die Augen und sagt etwas wie, eine wichtige Botschaft für sie oder so ähnlich. Ich bin zu überrascht, um reagieren zu können und ehrlich gesagt, einer netten Person gibt man auch nett Antwort, nicht wahr? So nicke ich, sage danke und als ich die Treppen zum Perron hochsteige, schaue ich mir das Titelblatt der Broschüre genauer an. Zuerst hatte ich erwartet, einen Flyer für oder gegen etwas zu erhalten. So lag in der heutigen Zeitung eine solches Faltblatt, da stand, dass unehrliche Menschen nicht hierher gehörten, zurück mit ihnen, egal was und aus welchem Grund, hier wolle man nur Schweizer. Und dass man hier geboren sei, heisse noch lange nicht, dass man Schweizer sei oder so ähnlich hatte die grösste Partei der Schweiz geschrieben. Dazu lächelnde Gesichter, Frauen und Männer gut gemischt, ältere und jüngere; damit sicher auch eine Identifikationsfigur für mich darunter ist.
Doch ich habe mich getäuscht, es war keine politische Schrift. Es war wieder einmal der Wachtturm, welcher Jehovas Königreich verkündigte. Der Titel lautete: Wieso ehrlich sein? Auf dem Titelbild eine Hand, behaart, mit Ehering, welche sich nach einem Portemonnaie streckte und gerade zugreifen wollte. In der Broschüre dann wurden Menschen vorgestellt, Männer, Frauen, ältere und jüngere, welche verschiedene Geschichten erzählten: Eine Frau war in einer Diebesbande tätig und heute ist sie verheiratet und ehrlich, dank dem Bibelkurs der Zeugen Jehovas und das gibt ihr ein gutes Gefühl.
Oder einer arbeitet in der Bank und liess sich nicht bestechen. Da kam der Chef und dankte ihm, dass er ein so vertrauenswürdiger Mensch sei.
Ein anderer war Drogenkurier, sein Leben sei ihm egal gewesen, er stahl was ihm unter die Finger kam. Sogar das Leben wollte er sich nehmen und trank eine Flasche Whiskey, um sich danach in einen See zu stürzen. Er überlebte und dank Gott wurde er ein ehrlicher Mensch. Auch fand er eine Frau und machte sogar Karriere in der Organisation Gottes.
Die Texte waren einfach geschrieben, gut lesbar und sogar Bibelzitate wurden verwendet. Eines davon heisst: „Täuscht euch nicht, Diebe oder Habsüchtige, Lästerer oder Räuber werden keinen Platz im Reich Gottes haben.”

Ich dachte an die Broschüre der Partei, die heute der Zeitung beilag, Habsüchtige, Lästerer, vielleicht sogar Diebe oder Räuber, und als ich beide Broschüren entsorgte kam mir der Gedanke, dass ich dann hoffentlich im Himmelreich Ruhe habe vor solchen Broschüren.