Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum24. November 2014 KategorieKategorieAllgemein

Eine Begegnung mit dem Wolf

Die Jagd ist bei uns eine Familientradition. Mein erstes Gewehr habe ich von meinem Vater erhalten. Langer, matt-glänzender Lauf, das Gewehr liegt gut in den Händen. Eines Tages gebe ich sie meinem Sohn weiter.
Was bedeutet es, ein Jäger zu sein? Die vom Unterland wissen nichts und die sogenannten Tierschützer, diese Fanatiker, erst recht nicht. Sie meinen, wir Jäger schiessen auf alles, was sich bewege.  Und jetzt noch dieser verdammte Wolf.
Der Hirsch geht nicht mehr seine gewohnten Wege und versteckt sich. Bis jetzt hat er gespürt, wenn wir unterwegs waren und er hat uns gekannt. Wie auch wir ihn gekannt haben. Manchmal, wenn ich durch den Feldstecher geschaut habe, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Wie wenn der Hirsch wüsste, dass ich ihn beobachte. Ja, hat er mir mit seinem Blick gesagt, es geht gut, wir sind da, wir haben genug zu fressen.
Und jetzt ist diese Ordnung gestört. Wegen dem Wolf.

Heute Morgen früh, es war noch dunkel, ich unterwegs Richtung Maiensäss, es sind sicher zwei Stunden zu Fuss, die Luft hat nach Pilzen und Erde gerochen, nass das Gras, ich höre nur meine Schritte, die Vögel und meinen Atem. Der Himmel verfärbt sich schwarzblau, kurz bevor die Sonne sich an den Horizont tastet, nur eine Ahnung vom kommenden Tag. Ich habe gewartet, wollte schauen, ob die Gemsen immer noch über den Steilhang kommen, die Flanke traversieren und vom Felsen geschützt äsen.
Doch alles ist ruhig.
Ich habe mit dem Feldstecher den ganzen Hang abgesucht, es war schwer, etwas zu erkennen, noch fast zu dunkel, auch wenn der Himmel Minute für Minute heller wurde.
Da. Nein. Nochmals.
Vielleicht bin ich zu früh. Jetzt, ja, da kommen sie. Nur einzeln, vorsichtig, Schritt für Schritt, die vorderste Gemse hebt den Kopf, schaut zurück, ob alle nachkommen, dann überqueren sei den steinigen Hang. Alles ist ruhig.
Wir sehen uns im September, denke ich und will schon weitergehen. Doch aus den Augenwinkeln meine ich eine Bewegung unter dem Felsen zu sehen.
Ist das möglich?  Wer ist da ausser mir und dem Rudel?
Durch den Feldstecher blicke ich direkt in die Augen eines Wolfes. Ich bin sicher, er weiss, dass ich da bin. Jetzt macht er ein Zeichen mit dem Kopf. So, als würde er sagen: Ich gehöre auch hierher und auch wir sehen uns wieder. Im September.