Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum5. Januar 2017 KategorieKategorieAllgemein

Ein schlechter Roman

Da musste ich wieder einmal warten. Der Anschlusszug war schon weg, hatte eine halbe Stunde Zeit, um dann mit einem Bummlerzug nach Hause zu kommen. Ich schaute mich im Kiosk um, blätterte in den Perry Rhodan Heftchen, wollte mich schon abwenden, da fiel mir ein etwas dickeres Taschenbuch auf. Gelber Rand, ich nahm es in die Hand, der Titel auf Englisch: Great. Ich las den Anfang, ein Held war mit der Welt nicht zufrieden und am Ende des erstens Kapitel rief der Held laut in die Welt hinaus: I will make the world great again.

Merkte gar nicht, wie die Zeit voranschritt und mich mit dem Buch allein gelassen hatte. Jetzt musste ich mich entscheiden. Wollte doch wissen, wie der Held die Welt besser machte und ausserdem gefiel mir der Typ: gross, stark, markante Gesichtszüge, die Frauen schmelzen unter seinem Blick dahin und immer sagte er klar und deutlich, was er dachte. Klare Weltansichten, keine Zweifel. Alles Klischees, schon klar, ist ja auch ein Roman. Das ist es, was wir heute in Wirklichkeit so vermissen: Klarheit.
Alles ist unsicher. Was am Vormittag wahr ist, ist am Nachmittag Fakenews und am Abend vergessen.
Die Zwillinge einer ehemaligen Schönheitskönigin erscheinen auf der gleichen Seite wie der Einmarsch von Russland auf die Krimhalbinsel, gleich grosser Artikel. Das Bild zeigt natürlich die Zwillinge. Wie soll ich denn noch wissen, was wirklich wichtig ist?

Also zahlte ich, im Zug war ich fast alleine, es dunkelte schon, die Landschaft nur verschwommene Bilder, die an mir vorbeirauschten, der Held sagte sich, dass er Geld brauchte, um die Welt besser zu machen. Er ergaunerte sich viel Geld, indem er marode Häuser kaufte, diese aufmotzte und wieder verkaufte. Dabei gründete er Scheinfirma um Scheinfirma, haute jeden Partner übers Ohr, zahlte fast keine Steuern, da er Schulden in Millionenhöhe machte, zog mit einer Reality-Show Millionen Zuschauer vor den Bildschirm und wir wussten alle, der Mann machte das alles nur, um die Welt zu retten. Ich schaute hinaus, wollte das Buch weglegen, so schlecht geschrieben, ein furchtbarer Plot, dann diese Überzeichnung der Personen.
Was hatte ich denn erwartet? Ein Heftchenroman halt.
Wie ich so nach draussen schaute, merkte ich, dass ich die Strecke gar nicht kannte und bis jetzt war noch kein Kondukteur vorbeigekommen. Fuhr der Bummler eine andere Strecke? Ich schaute auf die Uhr, müsste bald zuhause sein. Kurz stand ich auf, um zu schauen, ob noch jemand anderes im Zug sitzt, doch ich war allein im Abteil. So las ich halt weiter.

Es gab noch Nebenhandlungen im Roman: Da tarnte sich ein Terrorist als afrikanischer Flüchtling und plante einen Anschlag, ein englischer Banker verlor an einem Tag Milliarden und eine Schweizer Bank stürzte darob fast in den Abgrund, England verliess die EU, Europa löste sich wieder in Nationalstaaten auf, der Terrorist schlug zu, in Paris, in Nizza, in Berlin, in Istanbul. War fast froh, ging die Geschichte mit dem Held weiter, der natürlich die Terroristen zur Strecke bringen wollte und da er sah, dass auch er die Welt nur retten konnte, wenn er Präsident würde, stieg er bei einer Partei ein und machte Wahlkampf. Da musste ich die Lektüre unterbrechen, so billig und unrealistisch dieser Plot, so unsäglich dumm und so weit weg von der Realität. Ich blätterte weiter und tatsächlich, wurde der Held Präsident, er erwischte den Terrorist höchstpersönlich und mit seinem neuen Freund, der ganz zufällig der Präsident oder so ähnlich von Russland war, machte er endlich Ordnung auf der Welt.

Ich ächzte, war froh, hatte ich den Schundroman fertig und war bald zu Hause. So einen Seich hatte ich schon lange nicht mehr gelesen.

Doch als ich wieder nach draussen schaute, es war dunkel,  nur einzelne Lichter, die vorbeizogen, hatte keine Ahnung, wo zum Teufel ich war, auf die SBB war auch kein Verlass mehr, ich ging durch die Abteile, niemand da. Jetzt löschte jemand auch noch das Licht aus und ich stand da im Dunkeln, hörte das Tactac, Tactac der Räder und fuhr irgendwohin, wo ich mich nicht auskannte, nur weil vielleicht jemand eine Weiche falsch gestellt hatte.