Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum31. Oktober 2016 KategorieKategorieAllgemein

Das moderne Höhlengleichnis

Da habe ich doch wieder einmal den Tatort geschaut, am letzten Sonntag im Oktober. Eine Mitbegründerin eines Start-Up Unternehmens ist mit dem Auto zu schnell in eine Kurve gefahren und ist jetzt tot und hinterlässt ratlose Mitunternehmer der Firma, die kurz vor der Lancierung von digitalen Assistentinnen steht. Und eine Tochter und eine Mutter. Es war kein Unfall.

Ja, ich schaue noch TV. Ich weiss, ich weiss, ich bin ein altmodischer Sack, schalte das TV Gerät dann ein, wenn die Sendung auch läuft, habe es nicht gerne, wenn die Kinder zurückspulen, quasi TV à la carte. Zum Beweis, wie altmodisch ich bin: ein Fotoapparat zum Fotografieren, Festnetz und ein PC zum Schreiben, ja und auch für das Internet. So habe ich letzte Woche auch ein Facebook-Account erstellt, habe sogar schon gepostet und gelikt und bin hin-und hergerissen, ob mir das gefällt und ich gerne mache oder einfach Zeitverschwendung ist. Doch ich tröste mich damit, dass ich dies jederzeit abstellen kann (kann man doch, nicht wahr?).

Jetzt bin ich abgeschweift. Zurück zum Tatort. Er hat mich gefesselt, ich war fasziniert von den Möglichkeiten dieser digitalen Assistentin namens Nessa. Sie war so echt und gerne hätte ich auch eine Hologramm Brille getragen und wäre mit ihr am Strand spazieren gegangen und hätte die mitfühlende Stimme gehört, wie sie mich fragt, ob ich denn glücklich sei und wir hätten geredet und vielleicht hätte ich versucht, ihre Hand zu halten. Doch dann wäre meine Hand ins Leere gelaufen und ohne Holobrille wäre alles leer und öde gewesen.

Wer den Tatort nicht gesehen hat, hier die Kurzform:
Vanessa hat einen tödlichen Autounfall. Ihr Start-Up Unternehmen entwickelt digitale Assistentinnen, die im Rahmen ihrer Programmierung selbständig telefonieren, sprechen, arbeiten – kurz, ein zweites digitales Ich. Vanessa ist dafür Modell gestanden. Grosse Sache, viel Geld.
So überbringen die Ermittler die Todesnachricht der Mutter von Vanessa, diese glaubt es nicht und telefoniert. Die Vanessa nimmt ab, ein Gespräch ergibt sich, die Ermittler verunsichert, müssen die Identifikation nochmals überprüfen. Die Mitbegründer des Start-Ups, der Kai, der Finanzier und der Paul, der immer noch in Vanessa verliebte Rollstuhlfahrer, sind sichtlich erschüttert. Auch der Ehemann, immer unterwegs, kommt zurück und versucht die Tochter Lili zu trösten. Wir vermuten alle, dass das zweite Ich von Vanessa, die Nessa ihre Algorithmen nicht im Griff hatte. Doch da ist der Kai, der für viel Geld die digitale Version von Vanessa für Pornoseiten verkaufte – ohne dass die anderen davon wussten, natürlich. Und der Paul hat auf Youtube gezeigt, wie er vom Computer aus Autos selber fahren liess. Also, wer hat da wen oder was manipuliert und warum. Eine digitale Fehlentwicklung oder doch das alte Lied von Macht, viel Geld, Liebe, Eifersucht.
Doch was mich am Tatort fasziniert hat: Die Wirklichkeit ist keine sichere Grösse. Die Nessa am Meer war wie die Vanessa an der See, beide fröhlich und verspielt, die Männer umschwirren die (Va)Nessa wie Motten eine Strassenlampe, sie sehen das Glück, erreichen es nicht.
Und die Tochter Lili? Sie spricht mit ihrer Mutter via Nessa-App, manchmal bevorzugt die Lili das App ihrem immer umherreisenden Vater und sie will die Tote sehen. Der Gerichtsmediziner hilflos dieser selbstbewussten Lili gegenüber, erklärt, warum Tote kalt sind und die Lili fotografiert ihre tote Mutter. Nur was auf dem Tablet festgehalten werden kann, ist wirklich?

Da kommt mir das Höhlengleichnis in den Sinn. Man kann es nachlesen: Platon hiess der Philosoph und ja, ich lese noch Bücher und keine Apps, ich blättere noch Seiten um und zurück, wenn ich etwas nochmals nachlesen will. Wie schon gesagt: altmodisch, hoffnungslos.

Natürlich: Platons Höhlengleichnis gibt’s samt Interpretation auf Wikipedia, als Trickfilm auf Youtube und, und, und.

Der Tatort – ein modernes Höhlengleichnis: Was ist die Wirklichkeit? Wer sind wir? Schattenwelt? Träumen wir und ist das die Wirklichkeit?

Das Höhlengleichnis, ein alter Text. Und immer noch die gleichen Fragen, nur unsere Möglichkeiten, Werkzeuge und Gerätchen verändern sich. Wir nicht.