Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum1. November 2015 KategorieKategorieAllgemein

Beim Mittagessen

Letzten Montag habe ich das Interview mit Lukas Bärfuss in der Schweiz am Sonntag gelesen. Ich  wollte etwas zu Mittag essen, doch das Cafe, das ich sonst besuche, war geschlossen.
“Natürlich: Montag!”, dachte ich und suchte irgendwo ein offenes Lokal. An der Hauptstrasse dann, auf der rechten Seite, die Fassade abgeblättert, eine Leuchtreklame, rund, rote Schrift auf weissem Grund, Feldschlösschen, und unten gross: BAR. Ich hatte grossen Hunger, so betrat ich das Lokal. Die Wirtsleute sassen am Tisch, sie drehten sich um, als ich eintrat.
“Bin ich zu früh?”, fragte ich.
“Nein, nein, setzen sie sich hin, wo sie wollen.”
Ich rutschte auf eine Holzbank. Zeitungen lagen herum. Die Serviertochter brachte ein Mineralwasser, ich bestellte das Menü mit den Eierschwämmliravioli. Der Wirt stand auf.
“Was hat er bestellt?”, fragte er die Serviertochter.
“Ravioli.”
Ich spürte den Blick des Wirtes auf mir. Wie beim Zoll.
Während ich die Tomatensuppe löffelte, blätterte ich die Zeitungen durch. In der Schweiz am Sonntag blieb ich dann bei den Antworten von Bärfuss hängen.
Die Türe öffnete sich, Stimmengewirr, schwere Schuhe.
Die Serviererin begrüsste die Männer: “Ja, der Andi. Habe gehört, du hast am Samstag geheiratet.”
Gelächter.
“Wo hast du den Ring?”
“Zuhause.”
“Warum?”
“Stell dir vor. Elektrokabel. Will keinen Stromschlag riskieren.”
Ich lese, wie Bärfuss die SVP als rechtsradikale Partei bezeichnet. Das denke ich schon lange. Und er erwähnt, dass die Partei von einem Milliardär abhängig sei. Mir kommt in den Sinn, wie ein Kollege von mir von einer Delegiertenversammlung der Partei erzählte, da seien die Jungen zurechtgestutzt worden wie Schulbuben, als sie höflich nachfragten, ob es denn möglich sei, auch jüngere und neue Köpfe bei den Wahlen zu portieren.
Die Serviertochter lacht, als sie die Teller bringt.
“Hast du auch Föteli von der Hochzeit?”
“Nein.”
“Das nächste Mal bringst du Föteli mit, gell.”
“En guete.”
Die Schweiz sei das einzige Land, das keine Transparenz bei der Parteienfinanzierung habe. Die Wahlen seien mit Geld gewonnen worden, bemerkte der Bärfuss im Interview. Ich wollte dies nicht glauben, doch eine Freundin erzählte, dass die Musikgesellschaft in ihrem Dorf Zehntausend Franken erhalten habe von der Tochter des Parteiherrn mit der Bitte, doch für sie zu stimmen. Und ich überlege, wie viele Musik- und Turnvereine gibt es bei uns im Kanton Graubünden? Meine Frau meinte nur, Geld regiere die Welt. Ich will es immer noch nicht glauben und gleichzeitig weiss ich, sie hat recht.
Einer der Männer sagt: “Du, die Tomatenspaghetti sind perfekt. Al Dente. Wie es sein muss, sag das dem Chef.”
Die Serviertochter ist hübsch, nur hat sie auf der Wange eine längliche Narbe. Sie erzählt von der Töfftour und von der Party am letzten Abend. Ich habe die Eierschwämmliravioli erhalten. Lese und esse.
Vor den Wahlen meinte ein Kollege, als wir bei einer Sitzungspause im Büro ins Gespräch kamen, dass er einmal im Restaurant an einem Tisch in der Nähe der Herrschaften der Partei gesessen habe. Die hätten die Serviertochter angemacht, richtig gruusig sei es gewesen, primitive Herrenwitze. Er habe das Lokal verlassen müssen.
Ich lese, dass das “Du” eine Ausgabe ganz der Kunstsammlung eines dieser Herren widme. Das sei Verrat an allen Künstlerinnen und Künstler.
“Kann ich zahlen?” Die Serviertochter nickt, sie komme gleich. Sie bringt dem frisch Vermählten noch ein Dessert. Dann dreht sie sich zu mir hin: “Wollen sie auch noch ein Glace?”
Ich lächle: “Nein danke, mehr als genug.”
Und als ich gehe, die Stimmen hinter mir, die Serviertochter ruft, bis zum nächsten Mal, die Herbstsonne blendet mich, ich lege die Hand auf den Bauch. Das alles liegt mir auf dem Magen, das Essen, die Wahlen.