Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum11. September 2015 KategorieKategorieAllgemein

Alle wollen

Darf ich vorstellen: Ich bin Filmproduzent.
Gerade letzthin hatte ich eine geniale Idee: Ein Film über zerstrittene Talschaften, die sich zu einer Gemeinschaft zusammenraufen, in die Hauptstadt marschieren und ihr Land vor dem Untergang retten.
Ich weiss, alles Klischee und schon x-Mal auf der Leinwand. Aber hey, das zieht immer.

Wissen Sie, es ist eine Frage des Wie und weniger des Was. Inhalt ist momentan Nebensache, das kann wieder ändern. Und da komme ich ins Spiel. Ich bin der Spezialist für das Wie.

Das Geniale an meiner Idee ist: Wir wählen, wer mitmachen darf. Ja! Du und du und du – ihr wählt. Wer mitspielen will, soll Werbung für sich machen, Plakate, TV, Flyer, was auch immer. Dann wird gewählt und wir starten den Dreh. Das nennt sich Produktebindung. Auf Deutsch: jeder der mitgemacht hat, schaut sich auch den Film an. Es ist Gratiswerbung, jeder schickt noch ein Youtube Filmchen, Facebook und was es alles gibt. Das ist doch genial.

Ja, das war der Plan. Ich habe diverse Geldgeber überzeugt: Die Wirtschaft investierte mit horrenden Summen (geheim, doch alle wissen, dass die Ems-Chemie und wie sie alle heissen einige Banknötli locker machten), die Banken und… sie können es sich selber vorstellen, nicht wahr. An Geld mangelt es also nicht.

Der Plan, ja, und alles lief wie geschmiert.
Doch seit gestern bin ich in der Krise. Ich weiss nicht, wie es ihnen geht, aber ich bin am Ende. Meine Genialität verfluche ich.
Warum?
Ja, schauen sie sich doch um! Es hängen überall Plakate: Grinsende Köpfe, möglichst halb schräg und bemüht, kompetent und locker daherzukommen. Dann eine Gruppe von Leuten, die sich umarmen wie an einer Klassenzusammenkunft. Oder dumme Allerweltssprüche wie: Aus Liebe für die Schweiz – Freiheit, Fortschritt und noch irgendwas.
So unter uns gesagt: Liebe ist doch etwas anderes.
Oder da stehen in einer Reihe einige Menschen, halten sich fest wie am Bierfest, einige klemmen den Hals des anderen ein als stünde ein pubertäres Kämpfchen an, andere stehen scheu am Rand mit der Botschaft, wähl mich nicht, ich durfte nur zufällig aufs Bild, eigentlich nimmt man mich nicht ernst. Die Frau lächelt gezwungen, man hat sie ja auch fest im Griff. Wer hat sich denn das ausgedacht?
Dann Leute, die ich kenne, eigentlich ein netter Mensch. Doch dann steht da etwas von Übeltätern und dass er dies verhindern wolle, von Betrüger, die er bestrafen wolle.
Mannomann, der Mann ist eigentlich ganz normal, nett, freundlich, hat Humor, das meint der gar nicht so, oder doch?

Und all das nur wegen mir? Nur weil ich einen Film machen will, der nach ein paar Jahren vergessen ist? Was soll ich tun? Die ganze Sache absagen?
Nein, geht nicht mehr, zu viel Geld ist schon gesprochen. Durchziehen und hoffen, dass es trotz allem klappt?

Was mache ich mit all den Gewählten, mit denen ich den Film drehen muss?

Echt, ich bin total am Boden, schwarze Wolken ziehen auf, ja, ich verdiene es, im Gewitter zu verenden.
Moment!
Ja, das ist es. Die Idee der Ideen. Wir machen den Film und danach noch das Making of. Ein Doku über die Menschen und ihre Geschichten (auch das ist ein sicherer Wert).
Dazu ein Experiment mit Live-Übertragung und Live News Ticker: Wir schliessen sie in einen leeren Raum, Kameras, Mikrofone ein und schauen, was herauskommt.
Diversity – das ist das Stichwort. Film, TV, Internet, Radio und natürlich die Zeitung für eine tägliche Berichterstattung mit Tiefgang – das wird der Hit. Direkt aus der Hauptstadt, zwei bis drei Sessionen pro Jahr. Ein garantierter Quotenknüller.