Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum3. Mai 2020 KategorieKategorieAllgemein

Schluss mit Quarantäne. Tag 43.

Samstag, 25. April 2020.

Schluss mit Quarantäne
Und nun soll Schluss sein mit Quarantäne. Fast alles ist wieder erlaubt. Die Erleichterung ist überall zu spüren. Was kommt da noch und was bleibt?
Zeit, Fazit zu ziehen. Ein persönliches Fazit:
1. Ich bin erstaunt:
Wie rasch wir alle uns auf die neue Situation eingestellt haben und wie die Schliessung vom Leben, das wir kannten, sofort und praktisch ohne Widerspruch umgesetzt wurde – ja, das hat mich erstaunt. Und wie sich die Menschen trotz schönstem Frühlingswetter daran gehalten haben – ich konnte es fast nicht glauben und habe mich zuerst selber überzeugen müssen. Ein paar Mal in Chur und einmal in Zürich: alles g schlossen und leer. Ich hatte sogar fast schlechtes Gewissen, dass ich selber mich rausgetraut habe und quasi die Quarantäne gebrochen habe. Und wie ist es mit all dem Händeschütteln, Umarmen und so. Auch da, plötzlich Abstand und Vorsicht.
Fazit Nummero 1: Wenn es darauf ankommt, befolgen wir auch rigide Massnahmen sofort und ohne Widerspruch.

2. Ich bin überfordert:
Natürlich, zwei Teenager Zuhause, irgendwie Homeoffice und manchmal im Büro, dann Sitzung per Video, noch Gedanken, was man jetzt alles machen könnte, aufräumen, ordnen, Sport und so. Ganz so einfach ist es nicht. Zu viele Pläne und zu viel Zeit. Ich habe einfach viel geschlafen, gemacht, was zu machen war, die Motivation musste ich mir erarbeiten, manchmal zu hart ins Gericht mit den Jungs und manchmal zu viel schleifen lassen.
Fazit Nummero due: Eine Extremsituation überfordert uns. Doch man gewöhnt sich dran.

3. Zu viel Informationen:
Mann, was da alles auf mich hereingeprasselt kam, von Wissenschaftlern, die sich widersprechen, von Betroffenheitsdokus, von was wäre wenn, von Zahlen und Schicksalen. Die Informationen, egal auf welchem Kanal, führte zur Informationsunsicherheit. Und das Thema ging mir so auf den Wecker, dass ich sogar zwei, drei Minuten Bachelorette schaute, was bei mir endgültig den Informations-Shotdown auslöste. Die Wahl zwischen Maskendiskussion und Macho-Idioten – dann lieber das Sofa und eine weisse Wand.
Fazit Nummero tre: Informations-Supernova. Im hellen Licht sehe ich kaum mehr, was wichtig ist und was Schrott.

4. Ich mache mir Sorgen:
Wie wird das nun? Ich meine wirtschaftlich und so. Da mach ich mir Sorgen. Woher kommt das Geld? Schulden ahoi? Und medizinisch ist das Ganze noch nicht ausgestanden, Stichwort zweite Welle. Und wenn ich die verschiedenen Staaten anschaue, von Ego-Staaten zu Verleugnungs-Staaten, da ist noch gar nichts vorbei.
Fazit Nummero quattro: Diese Krise ist noch lange nicht vorbei. Medizinisch nicht und finanziell sowieso nicht.

5. Ich bin zuversichtlich:
Wir haben einen ersten Ansturm überstanden, wir sind noch da und haben auch sehr viel Glück gehabt. Wir können schwierige Zeiten überstehen. Das gibt Zuversicht.

DatumDatum24. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 42.

Freitag, 24. April 2020.

Das Inserat
Da schaue ich die Zeitung an. Dünn ist sie geworden. Die Berichte mit viel Gewicht. Nur etwas fehlt. Ich lese da von der Trockenheit, von höheren Geldabzügen, vom Hubble Teleskop und vieles von Corona. Warum nur ist die Zeitung so dünn wie am Montag?
Da fällt mir ein Inserat ins Auge. Unter dem Titel Finanzmarkt heisst es: Ruiniert Corona Ihre Firma? Einer preist sich an, das Vermögen zu retten. Indem er Konkurse organisiert?
Das mag ja  irgendwie möglich zu sein. Und dann fordert der Chef einer Partei noch, dass die Krise bezahlen soll, wer in der Krise Gewinn gemacht hat. Also, folgere ich, dann haben die Konkursorganisierer die Krise zu bezahlen. Na ja, halt ein Politikerspruch.
Doch was mich mehr beschäftigt: Es ist das einzige Inserat neben Grossfirmen wie Coop und Swisscom. Die Zeitung ist quasi werbefrei. Dafür die Berichte länger und manchmal auch interessant. Mir wird mit einem Mal klar: Diese Zeitung, so auf Papier, am Morgen im Briefkasten und ich am Küchentisch, lesend; wir, die Zeitung, der Kaffee und ich, wir sind eine aussterbende Spezies.

DatumDatum23. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 41.

Donnerstag, 23. April 2020.

Die Geräusche des Tages
Am Morgen ist alles ruhig. Ich höre nur mein eigenes Tappen die Treppe hinunter, das Gurgeln der Kaffeemaschine, das Quietschen der Kühlschranktüre und erst wenn ich den Schlüssel im Schloss der Haustüre drehe und die Türe einen Spalt öffne, schweben die ersten Töne des Alltages ins Haus.
Die Vögel unterhalten sich, Flügel schlagen Stakkato, Federn fliegen. Ich habe eine laute Diskussion im Busch nebenan gestört, als ich die Zeitung hole. Die Luft zittert von einem Brummen, der Bus ist pünktlich. Im Haus surrt es, ich höre es nur am Morgen. Der Kühlschrank? Die Lüftung? Mein Magen?
Plötzlich Stimmen. Sind die Jungs schon auf? Es sind zwei mit ihren Hunden, die vor dem Fenster mit ihren Hunden vorbeispazieren. Der Tag beginnt.

DatumDatum23. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 40.

Mittwoch, 22. April 2020.

Krank
Unser Jüngster ist krank. Kaum wach, klagt er über Schwindel und Übelkeit. Ich höre die Geräusche aus der Toilette. Dann macht er es sich auf der Couch gemütlich, ich hole eine Decke, mache Tee und setze mich neben ihn. Er hat kein Fieber, vielleicht gestern einfach zu viel gegessen. Wir plaudern. Der Grosse kommt, wir essen etwas und ich will den Tag besprechen. Das Interesse an einem Plan für den heutigen Tag ist nicht gross. So wird es ein planloser Tag. Am Abend ziehe ich kurz Fazit:
Der Jüngste wieder gesund.
Der Älteste mit dem Velo den Calanda hoch, hat gemäss Trainingsplan Stickhandling geübt, mit dem Jüngeren Lego gespielt, mir beim Kochen geholfen.
Ich habe etwas Homeoffice gemacht, bin einkaufen gegangen, habe den Rasen gemäht, den Jüngeren gepflegt und alles ist entspannt.

Kein schlechtes Fazit für einen planlosen Tag.

DatumDatum23. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 39.

Dienstag, 21. April 2020.

Ohne Erinnerung
Da sind zwei Tage vergangen und es fällt mir schwer, mich an den Dienstag vor zwei Tagen zu erinnern. Habe ich etwas Sport gemacht? Einkaufen? Mittagsschlaf, möglich? Was war am Abend? Ich habe keine Ahnung mehr.

DatumDatum20. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 38.

Montag, 20. April 2020.
Zeichen
Heute ist der letzte Tag. Das letzte Mal um Viertel vor sechs aufstehen, unseren Älteren wecken (und glaubt mir, das ist schon eine Herausforderung), und unserer Challenge-Runde rennen. Also, der letzte Tag der schulischen Challenge des Älteren und ich war jeden Tag dabei.
So machen wir uns auf. In der Nacht hat es geregnet, es ist dunkler, da der Himmel noch mit Wolken bedeckt ist, meine Achillessehne schmerzt, bin gut aufgestanden, voller Energie und los. Nach 500 m rennt er mir davon, er wolle am letzten Tag einen neuen Rekord erreichen. Ich nicht. Ich nehme es gemütlich. Da. Was war das? Stopp! Und zurück. Am Rande des Weges ist Blut. Und Federn. Verstreut wie Zeitungsschnipsel. Weiss-braune Federn. Eine Taube vielleicht? Ein junges Huhn? Und wer war es? Beginnt die Woche mit einem Kampf? Ich habe mir ja gestern die Aufgabe gestellt, das Danach und die Veränderungen zu ersinnen und vielleicht mich darauf vorzubereiten. Doch die Träume haben keine Bilder gesandt, keine Botschaften. So suche ich nach Zeichen jetzt am Morgen.
Der Regen war bitter nötig und er ist gekommen. Ein gutes Zeichen. Es kehrt eine Beruhigung ein und bringt, was notwendig war.
Die Federn am Wegrand lassen auf einen harten Kampf schliessen. Ein Fuchs oder eine Katze hatte Hunger und war erfolgreich. Das Tier hat sich in den Vogel verbissen und hart darum gekämpft. Der Vogel hat sich gewehrt und seine Federn teuer verkauft. Ist das nicht auch ein gutes Zeichen? Die Natur folgt ihrem Plan.
Was für Zeichen gibt es noch?

DatumDatum19. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 37.

Sonntag, 19. April 2020.

Das Ende und der Anfang
Am 27. April 2020 endet der Lockdown. In einer ersten Etappe eröffnen die meisten Läden und am 11. Mai 2020 die Schulen. Endlich, endlich, endlich.
Und so endet am Sonntag, 26. April 2020 mein Quarantäne-Logbuch.
Somit ist es Zeit, sich auf das Danach vorzubereiten. Es soll ja nicht so sein, dass nachher alles ist wie wenn es die Pandemie nie gegeben hätte. Und so werde ich heute vor dem Einschlafen mir folgende Fragen stellen:
Was muss ich verändern und was soll gleich bleiben?
Ich hoffe, dass ich dann im Traum die Antworten bekommen.

DatumDatum18. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 36.

Samstag, 18. April 2020.
Tote Stadt
Die Stadt ist tot. Nach der Bahnunterführung steige ich die Treppe hoch und – niemand. Nur leere Strassen und Einkaufshäuser. Die Sonne brennt herunter und blendet. Da. Ein alter Mann trippelt dem Schatten entlang.
Es müsste alles voll sein. Voll mit Spaziergängern, mit Familien beim Einkaufen, junge Leute, die die Bahnhofstrasse auf und ab flanieren, Strassenmusiker. Doch ich bin der einzige. Wollte nur schauen, wie es so ist, am Samstagmittag in der Stadt.
Langsam schleiche ich mich den Schaufenstern entlang. Alle Geschäfte sind dunkel. Sogar die Kioske sind zu. Die Stühle der Cafés angekettet und einsam. Im Stadtpark blühen die Tulpen und Osterglocken einfach so für sich. Will noch einen Hamburger kaufen. Doch auch der Take-Away Laden auf dem Kornplatz – geschlossen. Über die Poststrasse spaziere ich zurück. Wie vielen Leute bin ich begegnet? Einem Dutzend vielleicht?
Ohne zu studieren überquere ich die Hauptstrasse. Rot. Doch niemand beachtet mich. Zeit, um nach Hause zu gehen.

DatumDatum17. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 35

Freitag, 17. April 2020.
Ein guter Tag oder die Weisheiten am Freitag
Auf einen schlimmen Tag kommt ein guter Tag. Und auf einen guten Tag könnte auch ein wieder ein schlimmer kommen. Also, gut aufgepasst. Und nicht jeder Tag ist nur gut oder nur schlimm. Es gibt so viele Abstufungen wie Farben. Und ein Tag ist lang, manchmal braucht es nur ein nettes Wort, ein Lächeln, ein gutes Essen und alles wird besser.

DatumDatum16. April 2020 KategorieKategorieAllgemein

In Quarantäne. Tag 34.

Donnerstag, 16. April 2020.
Schlimmer Tag
Das Erste, was ich morgens mache, ist die Kaffeemaschine starten. Sie gurrt und seufzt ein Weilchen, dann rinnt so etwas wie Abwaschwasser in das Gläschen, das darunter steht. Dann erst stelle ich die Kaffeetasse darunter und jetzt kann der Tag beginnen.
Heute, wie immer, Kaffeemaschine. Ich habe etwas Durst.
Und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Merke: nie etwas am Routineablauf ändern, es kommt nicht gut.
Also nehme ich ein Glas und fülle es mit Wasser. Da die Kaffeemaschine läuft, stelle ich das Glas auf die Abdeckung und hole die Milch aus dem Kühlschrank – und leere Milch in das Glas Wasser.
Irgendwie merke ich, dass etwas falsch läuft. Zuerst den Kaffee, dann werde ich wach. Und drücke den Knopf. Ein wunderbarer Duft erfüllt die Küche, erdfarbene Flüssigkeit gurgelt aus den beiden Röhrchen – direkt ins Abwaschwassergläschen.
So beginnt der heutige Tag: Milchwasser im Glas, Kaffeeabwaschwasser auch im Glas.
Es wird nicht besser. Ich nehme die Zeitung. Es kommt ja jetzt der Blick in alle Haushaltungen. Da lese ich: Wir sind versaut. Und es werden Menschen mit und ohne Masken gezeigt. Versaut? denke ich. Was haben diese Leute denn gemacht. Und unten steht: Der Roboter haut drauf. Ich denke an Terminator und so. Und klug wie ich bin: Der Roboter hat die Leute verhauen, darum sind sie versaut. Dann kommt noch: Susi, hilf! und im Text ist von Cosma die Rede. Ich kenne nur eine Cosma, die Tochter von Punklady Nina Hagen. Und die ist sehr schön, oder war es. Hat auch der Roboter? Doch es müsste doch etwas von Corona auf der Titelseite sein: Corona, hilf! Sonst kommt der Roboter?
Ich bin verwirrt und trinke. Der Kaffee schmeckt sonderbar und das Wasser ist auch nicht mehr frisch. Nachdem ich dann die Augen gerieben habe, haben sich die Schlagzeilen verändert:
Wir sind bereit
Der Roboter hats drauf (und wo ist das Apostroph, lieber Blick?)
Büsi, hilf!

Jetzt muss der Tagesanzeiger her. Da steht:
Hundert Millionen Faxen bis Ende Mai – so lautet der Auftrag der Armee
Ich schau nochmals hin. Hundert Millionen Masken natürlich. Jetzt aber konzentrieren.
Trumps Baracke für die WHO ist vor allem innenpolitisch motiviert
Schenkt Trump der WHO eine Baracke? Als Dank für die guten Ratschläge?
Unten steht dann noch: Alain Berset dreht durch in der Krise
Ich muss den Kaffee wegleeren, auch mir dreht sich der Magen, mir ist schwindlig und ich sehe den Trump und den Berset miteinander in einer Baracke tanzen. Jeder will führen, so schleppen sie sich über das Parkett und ein Roboter klatscht den Takt dazu.
Ich gehe wieder schlafen.