Gion Caviezel

Gion Caviezel

DatumDatum26. Oktober 2018 KategorieKategorieAllgemein

Esk’et Rodeo, Alkali Lake, British Columbia, Kanada

Die Lebenskrise erwischte mich, als ich um die Ecke bog und vor der Tür stand, in die ich seit Jahren fast täglich ein- und ausgehe. „Was soll das!“, schrie sie mich an. „Hast du vor, noch einige tausend Male diesen Weg zu gehen, um dann nicht zu wissen, was du mit dem Rest des Lebens anfangen sollst? Oder eines Tages feststellst, dass es zu spät ist und du dein Leben verpasst hast?“ Ich hatte schon gespürt, wie sich die Lebenskrise langsam anpirschte. Eines Abends lag sie unter der Fernbedienung des TV-Gerätes. „Vergeudest du nicht deine Zeit?“, fragte sie mich, als ich den Abend wegzappte. Oder sie hatte sich im Kühlschrank versteckt. „Ist das jetzt das dritte oder das vierte Bier?“, flüsterte sie und schaute mir tief in die Augen, so dass ich das Bier zurückstellte. Nur um es wieder zu holen, als die Krise sich irgendwo im Schatten schlafen gelegt hatte. Und als ich einen Youtube-Film anklickte, sang mir die Lebenskrise einen Refrain vor:
Was soll das?
Was soll das sein: Leben?
Hast du einen Plan?
Ich gab mir alle Mühe, die Lebenskrise nicht zu sehen und nicht zu hören. Doch an diesem ganz gewöhnlichen Dienstagmorgen schaffte ich es nicht. Wie angewurzelt stand ich vor der Türe wie immer, den Schlüssel schon in der Hand und wollte die Türfalle drücken. Doch anstelle des Arms bewegten sich meine Beine. Sie machten rechtsumkehrt und marschierten davon. Ich musste mit und als ich die Beine zurechtweisen wollte, was ihnen eigentlich einfalle, sich selbständig zu machen, da stand ich schon vor dem Billettschalter: Zürich Flughafen, einfach!
Im Flughafen bewegte ich mich durch die verschiedenen Etagen wie in einem schallgedämpften Raum. Die Geräusche trafen mit Verzögerung auf meine Ohren, die Töne weich und gedehnt, auch die Lichter, wie durch milchiges Glas. Ich hörte die Ansagen ohne den Inhalt zu verstehen, die Menschen bewegten sich in Zeitlupe. Ich holte mir einen Saft und setzte mich an einen freien Tisch. Da schlenderte die Krise auf mich zu, sie lachte: „Und jetzt?“ Da setzte mit einem Mal der Lärm ein, das Geplapper der Leute, das Geklirre von Teller und Tassen, das Quietschen von Schuhen und Koffern. Ich schaute meiner Krise fest in die Augen: „Dieser Platz ist besetzt!“ Und legte meine Arbeitsmappe auf den Stuhl gegenüber. Beleidigt zog die Lebenskrise davon. Wahrscheinlich suchte sie eine neue Beschäftigung. Ich aber studierte die Anzeigetafeln und nippte immer wieder am Glas.
London, Paris, Barcelona? Das ist zu nahe, zu europäisch.
Moskau, St. Petersburg? Ich will nicht nach Russland.
Istanbul? Zu unsicher.
Vielleicht weiter nach Osten: Bangkok, Singapur, Tokio?
Ich liess mir die Namen auf der Zunge vergehen. Sie schmeckten wie eine Speise, die ich noch nie vorher probiert hatte. Doch finde ich dort eine Antwort? Vielleicht muss es auch nicht ein bestimmter Ort sein. Ich nippte am Glas und schaute mich um. All die unterschiedlichen Menschen, alle irgendwohin unterwegs und wie verschieden sie gekleidet waren. Ein farbiger Poncho erinnerte mich an früher, an meine Verkleidung an der Fasnacht: Ich musste immer ein Cowboy sein, mit einem Filzhut und einer Pistole in der Hand. Peng, peng, peng, es roch nach verbranntem Pulver und rauchte ein wenig. Doch mein Bruder stürzte sich auf mich und stiess mir das Messer zwischen die Rippen. Obwohl sich die Plastikklinge verbog, spürte ich den Stich. Ich wäre auch lieber ein Indianer gewesen, schnell und leise mit einem gestickten Stirnband, einer Halskette mit einem Zahn eines wilden Tieres und einem langen Messer.
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die Lösung für mich kommt von aussen, von jemandem, der frei ist, mich nicht enttäuschen kann oder mir schmeicheln will. Einer, der etwas sieht, was ich nicht sehen kann. Und als ich nun Vancouver auf der Anzeigetafel aufleuchten sah, da wusste ich: Die Antwort finde ich bei den Indianern.

Doch so einfach war es nicht. Es empfing mich kein Schamane am Flughafen, der Taxifahrer antwortete nicht auf meine Fragen und im Hotel lächelte man freundlich und zeigte mir, wo ich die Sehenswürdigkeiten der Stadt finde. „Nun denn“, dachte ich, „so muss es wohl sein.“ Ich mietete ein Auto und fuhr Richtung Norden, den Flüssen entlang. An einem grossen stillen See beobachtete ich einen Weisskopfseeadler. Ruhig sass er auf der Spitze einer abgebrochenen Föhre, drehte dann und wann den Kopf und schaute ernst. „Natürlich, die Natur zeigt mir den Weg“, ging es mir durch den Kopf, „folge den Zeichen der Natur.“ Und kaum hatte ich dies gedacht, da erhob er sich, zwei, drei Flügelschläge und er war verschwunden. In der Nacht hörte ich Kojoten heulen und war überzeugt, dass ich auf dem richtigen Weg war.
Einmal übernachtete ich auf einem Campingplatz an einem See. Ich hatte mir ein Bungalow gemietet, konnte am Abend am Feuer sitzen und einfach zuschauen, wie sich das helle Blau des Sees in eine schwarze Fläche verwandelte. Mit dem Besitzer des Campings wechselte ich einige Worte und fragte ihn dann nach den Indianern. Er verzog die Mundwinkel. First Nation People, heisse das, und es sei ein schwieriges Kapitel. Mehr mochte er nicht dazu sagen. So zog ich weiter. Unterwegs machte ich dann und wann längere Pausen. Ich setzte mich in ein Café, ass etwas und schwatzte mit den Kellnerinnen. Auch blätterte ich die lokalen Zeitungsblätter durch. Da fiel mein Blick auf eine ganzseitige Anzeige: Esk’et Rodeo stand da in grossen Lettern, dazu ein Bild von einem Cowboy auf einem wilden Pferd. Unten stand, dass die Alkali Lake First Nation People Association das Ganze organisiere. Da wusste ich, meine Suche geht dem Ende entgegen.

Der Weg zum Rodeo führte über eine unbefestigte Strasse, ich schluckte zwei Stunden Staub, dann bog der Weg in ein Waldstück. Nach ein paar Hundert Metern öffnete sich der Wald, ich fuhr in eine grosse Lichtung, die Pferdetransporter schön in Reih und Glied parkiert. In den verschiedenen Viehgattern erkannte ich Pferde und Rinder. Am Hang war eine Holztribüne aufgestellt, ein Halbrund um einen sandbedeckten Platz. Von irgendwoher hörte ich einen Speaker, der die kanadische Hymne ankündigte. Ein Mädchen sang und die Reiter zogen hinter der kanadischen Flagge in die Arena. Neben mir sass eine Gruppe junger Mädchen. Sie schauten gespannt auf die Bullen, die versuchten, junge Burschen abzuschütteln, klatschten, als es einem gelang, länger als acht Sekunden oben zu bleiben und hielten den Atem an, wenn einer abgeworfen wurde und zwei andere das wilde Tier wegscheuchten. Wieder hörte ich das Quietschen des Metallgitters, die Kraft des Bullen explodierte, Sand stob in alle Richtungen, der Junge auf dem Rücken wurde heruntergeschleudert, eine junge Frau schrie auf, als der Bulle auf dem Gestürzten herumtanzte. Dann war es still. Zwei Cowboys schleppten den Verletzten aus der Arena. Von irgendwoher kam nun ein Kalb in die Arena gestürzt, zwei Reiter fingen es wieder mit dem Lasso ein. Ich beobachtete, wie der Verletzte zu einem Tipi getragen wurde, während die Show weiterging. Kurz darauf kam der Unglückliche wieder heraus, noch etwas wackelig auf den Beinen, doch er konnte ohne Hilfe gehen. Da stand ich auf und näherte mich langsam dem Zelt. Es war so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte: Ein weisses Tuch, fest über die Stangen gespannt, die oben herausragten. Beim Näherkommen erkannte ich die Zeichnung einer Krähe über dem Eingang. „Holla“, rief ich als wäre ich Zuhause. Vorsichtig schob ich das Tuch beiseite. Eine alte Frau sass in einem Campingstuhl, sie schaute mich mit ihren grossen Augen an, zwei weisse Zöpfe umrahmten ihr rundes Gesicht und in der Hand hielt sie eine Zigarette. Als sie mich sah, grinste sie. Sie nahm einen langen Zug und blies den Rauch in meine Richtung. Es roch nach Kräutern, nach Wald und Feuer. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich Hilfe brauchte, jemanden, der mir eine Richtung im Leben gab, eine Leidenschaft, für das es sich zu leben lohnte. Sie sagte nichts, ich verhaspelte mich und war nicht sicher, ob sie mich verstand.

Da begann sie zu husten: „It’s okay, it’s okay.“
Ich holte tief Luft und setzte mich auf den Stuhl ihr gegenüber. Plötzlich war ich müde. Lag es an dem Rauch? War es an der Gewissheit, dass alles okay war? „Can you ride a horse? “
Ich schüttelte nur den Kopf. Meine Augenlider waren schwer.
„Do you feel at home? “
Bilder meiner Reise zogen an mir vorbei, der Weisskopfseeadler, die Streifenhörnchen, der Kojote, der mir fast unter das Auto geriet, die Mückenschwärme, die Seen und Wasserfälle.
„Have you met somebody?”
Sie kicherte. Ich hörte, wie sie wieder einen Zug nahm, der süssliche Rauch kitzelte in meiner Nase. Plötzlich musste ich niesen und ich fühlte mich erfrischt und wach.
„Listen.“ sagte sie und beugte sich zu mir hin, „my girl likes rodeo. I help her to do as good as she can.” Ihre Stimme drang tief in mich hinein. „But why do you think, I could help you?“
Sie blickte mich lange an und ich sah meine Grossmutter vor mir. Wie sie auf der Bank vor ihrem alten Holzhaus sass und wenn ich sie besuchte, bat sie mich in die Wohnstube. Der Schieferofen war warm und es roch nach getrockneten Apfelstücken. Manchmal spielten wir Karten und manchmal redeten wir. Da wusste ich, wo ich meine Antworten finden werde.
Am nächsten Tag sass ich im Flugzeug auf dem Weg nach Hause.

DatumDatum30. April 2018 KategorieKategorieAllgemein

Skifahren mit Roger Federer

Natürlich hat sich diese Geschichte nie so zugetragen. Sie kann gar nicht geschehen sein, da Spitzensportler nicht Ski fahren dürfen (wegen Verletzungen und so, ausser die Skisportler natürlich).
Also, eine Geschichte mit Roger Federer, die sicher nicht wahr ist.

Es ist eng in der Stube, der Zwillingskinderwagen steht gerade neben dem Esstisch, Roger Federer streicht sich eine Brotschnitte, der Vater von Roger bespricht sich mit jemandem am Telefon. Ich schnappe einige Wortfetzen auf wie Krise, Verlust der Nummer 1, Tenniskarriere am Ende. Niemand nimmt Notiz von mir. Einer der Zwillinge ist gerade erwacht, ich gehe in die Knie, nehme den Plüschaffen und sage: “Guten Morgen, hast du gut geschlafen?”
Roger wirft einen kurzen Blick auf mich und isst weiter.
“Hast du gesehen, wie es geschneit hat?” schwatze ich mit der Stimme des Äffchens weiter. “Alle Bäume sind verschneit, jetzt kommt bald Weihnachten.”
Die Kleine schaut den Affen an, will ihn streicheln, ich tue so, als ob der Affe ein wenig Angst habe vor ihr. Langsam trippelt der Affe wieder zur Kleinen: “Bist du lieb zu mir? Passt du auch gut auf mich auf? Weisst du, ich will nachher auf die Ski!”
Ich überlasse ihr den Affen, stehe auf und frage in die Runde, ob jemand mit mir Ski fahren komme.
Roger schaut mich an, Vater Federer ist immer noch am Telefon, da nickt Roger: “Ich komme mit”, und zu den Kleinen gewandt: “Mami kommt gleich, gell!”
Unten im Keller sagt Roger: “Ich darf natürlich nicht Ski fahren, wegen Verletzungen und so, ich darf nicht in die Kälte, wegen Erkältungen, dies nicht und muss das machen und jenes. Das hängt mir echt zum Hals hinaus.” Dann zu mir: “Kannst du gut fahren? Zeigst du mir ein paar Pisten?” Ich nicke, leihe ihm ein Paar Skier und los geht es.

Es war Zufall, dass ich Roger getroffen habe. Seine ganze Familie machte Ferien im Nachbarhaus bei uns und ich schaute hin und wieder, dass alles in Ordnung ist. So sind wir uns einige Male begegnet, haben ein paar Worte gewechselt. Eine ganz normale Bekanntschaft halt. Und jetzt stehen wir auf den Skiern.
“Du bekommst keinen Ärger, nicht wahr?” will ich mich versichern.
Er zuckt nur mit den Schultern: “Ich lasse es mal drauf ankommen.”
Es ist noch still, die Bergspitzen leuchten, die Sonne ist noch nicht am Himmel. Der Schnee ist federleicht, bei jedem Schwung spritzt er wie eine Fontäne durch die Luft, die Pisten sind griffig. Ich fahre voraus, auf den Wald zu, durch die Verbindungsschneise, rufe nach hinten, dass er es laufen lassen solle, gehe in die Hocke, muss ein wenig stärker auf die Kanten stehen, so dass ich den verschneiten Weg noch erwische, von einem Ast fällt eine Handvoll Schnee, die frische Luft beisst im Gesicht. Ich strecke die Knie durch, ein Schwung zum Skilift hin. Wir fahren mit dem Sessellift hoch. Diesmal fährt Roger voraus, er fährt gut, ein Sportler halt, manchmal lässt er es etwas zu schnell brettern, zum Glück sind noch nicht viele Leute auf der Piste. Er strahlt, als ich ihm sage, dass er gut fahre für jemanden, der nicht Ski fahren dürfe. Wieder fahre ich voraus, die Sonne ist inzwischen über den Bergen aufgegangen, der Schnee glitzert und knistert in der kalten Luft. Bei einer Abzweigung bin ich mir nicht mehr sicher über die Richtung.
“Durch den Wald mit ein paar Jumps?” rufe ich fragend nach hinten. Er nickt, ich weiss nicht, ob er mich verstanden hat und los. Es ist nur eine Spur durch den Wald, ein Riesenslalom zwischen Baumstämmen, das Tempo vorsichtig, ein Auf und Ab, dann eine gerade Anlaufspur, Absprung und hoch in die Luft, Skier kreuzen und landen. Kurze Pause. Wir lachen und klopfen uns auf die Schultern. Weiter.
Ich kenne diese Spur durch den Wald nicht, bin nicht sicher, wo wir wieder herauskommen, weiss auch nicht, ob wir überhaupt noch einen Lift erwischen. Egal. Drauflos.
Die Spur führt aus dem Wald, wir fahren neben einem Sessellift – doch da geht es nicht weiter. Es geht schon weiter, es ist einfach ein Sprung in die Tiefe, sicher fünf Meter in den Pulverschnee. Wir schauen uns an, nach diesem Sprung geht es neben dem Lift weiter bis zur Talstation.
“Komm, ich zeig dir, wie es geht!”
Zwei, drei Skischritte zurück.
“Nicht zu viel Tempo, sich fallen lassen und bei der Landung schön dem Hang entlang gleiten!”
Ich stosse mich ab, nehme gerade etwas Tempo auf, so wie beim Anfahren das Gefühl entsteht, jetzt fahre man, dann hebe ich ab, in freiem Fall in die Tiefe, es reisst mir die Arme hoch, ich rudere, um das Gleichgewicht zu halten, versuche den Oberkörper leicht nach vorne zu bringen, dann lande ich tief im Schnee, alles ist weiss um mich herum, ich weiss nicht, ob ich noch auf den Skiern stehe, es drückt mich in die Hocke, alle Luft wird mir aus den Lungen gepresst, endlich komme ich hoch und mit einem Jubelschrei schwinge ich ab. Ich sehe gerade noch, wie sich Roger mit den Stöcken abstösst, leicht über die Kante springt, es reisst ihn in die Tiefe, er hat etwas Vorlage, dann landet er, verschwindet fast im Pulverschnee und in Siegerpose fährt er auf mich zu.
“Super, das war absolut cool. Habe schon lange nicht mehr so viel Spass gehabt – und Mut gebraucht!” Ich lache, wir fahren weiter zum Lift und zurück ins Haus.

Wenn ich mich recht erinnere, hat er sich danach die Nummer 1 im Tennis zurückerobert. In den Kommentaren wurde geschrieben, er spiele wieder mutiger und probiere auch unvorhersehbare und risikoreiche Schläge aus. Kurz: er habe die Freude am Tennis wiedergefunden.

DatumDatum25. März 2018 KategorieKategorieAllgemein

Bei Google findet man alles

Das WEF erlebe ich jeweils hautnah mit. Die Strassen sind voll, im Zug fast keine Plätze mehr frei. Die Männer mit Anzug und Krawatte und die Frauen mit halblangem Rock und Jupe und alle tragen so einen Badge um den Hals.
Ja.
Und ich stelle mir jedes Mal vor, da kommen sie aus der Wüste, aus dem Regenwald, aus den riesigen Städten, aus allen Ländern und treffen sich in Davos. Was denken diese Leute, wenn sie die Berge sehen, den Schnee, die frische Luft atmen, Wasser aus dem Wasserhahn trinken und Lawinen runterdonnern sehen?
Wie fremd muss ihnen unsere Welt vorkommen.

Unbekannt ist diese Welt auch für uns selber, das erfuhr ich am Abend im Zug. Ich nehme ja immer den Bummelzug, da ich in Haldenstein aussteige. Da hält halt nicht jeder Zug. Bei Landquart leerte sich der Zug und im Wagen, wo ich sass, waren nur noch wenige Plätze besetzt. Kaum ruckte der Zug in Landquart an, ertönte ein Mobilephone und einer erzählte etwas. So laut, dass ich mithören musste, ob ich wollte oder nicht. Dem Dialekt nach war es ein Unterländer, irgendwo zwischen Zürich und Aargau. Er sagte, dass er sich im Zug befinde und jetzt müsse er noch eine Stunde weiterfahren. Es sei etwas blöd gelaufen. Er sei ja jetzt am WEF und er sagte es so, als hätte er sich geziert und als wäre er gar nicht gerne gegangen und so als ob sein Chef halt nur ihn schicken konnte. Jedenfalls habe er sich eine Unterkunft gesucht, doch Davos war schon ausgebucht. Da habe er auf Google eine Loge gefunden, ganz in der Nähe.
11 Kilometer, da habe er gedacht, super, das ist  nicht weit, und der Preis war auch im Rahmen, nicht so, wie andere Hotels oder so in Davos. Also, habe er gebucht und jetzt sei er in Davos angekommen und als er in seine Unterkunft wollte, habe er festgestellt, dass dieses Arosa halt hinter einem Berg liege. Und jetzt müsse er über zwei Stunden von Davos nach Arosa fahren. Sei halt etwas blöd gelaufen. Die elf Kilometer Luftlinie seien jetzt halt doch etwas länger.

 

 

DatumDatum26. November 2017 KategorieKategorieAllgemein

Zwei Franken für die Glückseligkeit

Schnell. Brauche einen Parkplatz. Muss nachher gerade wieder weiter. Bin schon zu spät. Da. Ein Platz wird frei. Ich kurve in das freie Parkfeld. Muss mich beeilen. Parkfeld 12. Klaube das Münz aus dem Portemonnaie. Will schnell einwerfen. Da bleibt einen Moment die Welt stehen. Vor mir ein viereckiger Kasten. Mit Bildschirm. Noch nie gesehen. Anstelle von Knöpfen hat es nichts. Vielleicht muss man auf den Bildschirm tippen. 12 für Parkfeld 12. Nein? Unten auf dem schwarzen Feld? Auch nichts. Ich rücke die Brille zurecht. Hat es da Linien? Der Linie nach und dort am Rand drücken. Ja. Die 12 erscheint. Ich suche das Münzfach. Doch zu spät. Die 12 ist verschwunden. Also wieder die Linie, drücken, der Zweifränkler ist bereit, ich stopfe ihn in das Münzfach. Will weitergehen, endlich zu meinem Termin. Doch aus den Augenwinkeln sehe ich, dass nichts geschehen ist. Der Zweifränkler lugt noch aus dem Münzfach. Das darf nicht wahr sein. Ich versuche ihn mit einer anderen Münze hineinzuschubsen. Nichts. Die 12 muss ich ja auch noch drücken. Ein Knopf für Störung gibt es nicht. Und ich bin zu spät. Da reicht es mir. Ich schlage mit der Faus auf diese Digital-Parkuhr ein, dass sie zittert. Und nochmals. Dazu brülle ich das Ding an. Und noch ein Faustschlag. Die Spannung lässt nach. Und da ich auch die Faust schon etwas spüre, trete ich an den Kasten. Da klippert es, mein Zweifränkler liegt Münzfach und ein Fünfziger und ein Zwanziger. Also landet die Schuhsohle auf dem kleinen Bildschirm und als hätte sich ein Knopf gelöst, scheppert und kleppert es wie bei einem einarmigen Bandit. Zwanziger, Einfränkler, Zehner und Fünfziger, alles Münz, rauscht aus dem Mund der neuen Parkuhr. Als hätte sie sich überfressen. Ich halte meine Hände hin. Das reicht für einige Stunden parken. Und mit einem Lächeln auf dem Gesicht schreite ich zu meinem Termin.

DatumDatum29. Oktober 2017 KategorieKategorieAllgemein

Letzthin

Papiersammlung der Schule. Da weiss ich, so ab dem späten Nachmittag kommen die Telefonate, man habe wieder die Zeitungsbündel vergessen einzusammeln oder warum niemand vorbeikäme, schon das letzte Mal habe man alles wieder in den Keller versorgen müssen.
Es läutet, zuverlässig wie der erste Schneefall im Oktober.
Diesmal ist es eine ältere Dame. Sie hat mir gesagt, dass die Nachbarn am Haus etwas machen, vielleicht habe man darum die Zeitungen nicht beachtet. Ich versichere ihr, dass ich spätestens in einer halben Stunde bei ihr sei.

Es ist ein Chalet wie aus einem Prospekt, mit Geranien und so. Eine elegant gekleidete Dame steht auf dem Balkon und winkt mir zu. Sie sei eben auch früher Lehrerin gewesen, vor zwanzig Jahren, und ob ich den Müller noch kenne. So geht es wie ein Tennis-Match hin und her. Sie erzählt, dass auch ihr Mann Lehrer gewesen sei und mir schneiden die Schnüre schon in die Handflächen, da ich die beiden Papierbündel zu früh aufgenommen habe.
Es gehe ihr gut, obwohl ihr Mann jetzt auch schon zwanzig Jahre tot sei.
“Gut”, antworte ich. Irgendwie wollte ich das Gespräch abkürzen, sehe wie sie mit dem Kopf zuckt, sie rückt das Kinn vor, stiert mich an, so, um zu erkennen, was ich mit diesem “Gut” meine.
Ich räuspere mich, will noch etwas ergänzen im Sinne von: das könne man jetzt falsch verstehen und ich wollte nur ausdrücken, dass es ihr trotz dem Tod ihres Mannes sicher sehr gut gehe. Doch auch das hat die Gefahr, falsch verstanden zu werden.
“Nun muss ich aber”, kommt es aus meinem Mund und ich hebe einen Arm, um zu zeigen, aus welchem Grund ich hier stehe. Sie drückt ihren Rücken wieder gerade, sagt, dass ich der Lehrerin Schmid noch einen Gruss ausrichten soll. Dann darf ich gehen.

DatumDatum5. Januar 2017 KategorieKategorieAllgemein

Ein schlechter Roman

Da musste ich wieder einmal warten. Der Anschlusszug war schon weg, hatte eine halbe Stunde Zeit, um dann mit einem Bummlerzug nach Hause zu kommen. Ich schaute mich im Kiosk um, blätterte in den Perry Rhodan Heftchen, wollte mich schon abwenden, da fiel mir ein etwas dickeres Taschenbuch auf. Gelber Rand, ich nahm es in die Hand, der Titel auf Englisch: Great. Ich las den Anfang, ein Held war mit der Welt nicht zufrieden und am Ende des erstens Kapitel rief der Held laut in die Welt hinaus: I will make the world great again.

Merkte gar nicht, wie die Zeit voranschritt und mich mit dem Buch allein gelassen hatte. Jetzt musste ich mich entscheiden. Wollte doch wissen, wie der Held die Welt besser machte und ausserdem gefiel mir der Typ: gross, stark, markante Gesichtszüge, die Frauen schmelzen unter seinem Blick dahin und immer sagte er klar und deutlich, was er dachte. Klare Weltansichten, keine Zweifel. Alles Klischees, schon klar, ist ja auch ein Roman. Das ist es, was wir heute in Wirklichkeit so vermissen: Klarheit.
Alles ist unsicher. Was am Vormittag wahr ist, ist am Nachmittag Fakenews und am Abend vergessen.
Die Zwillinge einer ehemaligen Schönheitskönigin erscheinen auf der gleichen Seite wie der Einmarsch von Russland auf die Krimhalbinsel, gleich grosser Artikel. Das Bild zeigt natürlich die Zwillinge. Wie soll ich denn noch wissen, was wirklich wichtig ist?

Also zahlte ich, im Zug war ich fast alleine, es dunkelte schon, die Landschaft nur verschwommene Bilder, die an mir vorbeirauschten, der Held sagte sich, dass er Geld brauchte, um die Welt besser zu machen. Er ergaunerte sich viel Geld, indem er marode Häuser kaufte, diese aufmotzte und wieder verkaufte. Dabei gründete er Scheinfirma um Scheinfirma, haute jeden Partner übers Ohr, zahlte fast keine Steuern, da er Schulden in Millionenhöhe machte, zog mit einer Reality-Show Millionen Zuschauer vor den Bildschirm und wir wussten alle, der Mann machte das alles nur, um die Welt zu retten. Ich schaute hinaus, wollte das Buch weglegen, so schlecht geschrieben, ein furchtbarer Plot, dann diese Überzeichnung der Personen.
Was hatte ich denn erwartet? Ein Heftchenroman halt.
Wie ich so nach draussen schaute, merkte ich, dass ich die Strecke gar nicht kannte und bis jetzt war noch kein Kondukteur vorbeigekommen. Fuhr der Bummler eine andere Strecke? Ich schaute auf die Uhr, müsste bald zuhause sein. Kurz stand ich auf, um zu schauen, ob noch jemand anderes im Zug sitzt, doch ich war allein im Abteil. So las ich halt weiter.

Es gab noch Nebenhandlungen im Roman: Da tarnte sich ein Terrorist als afrikanischer Flüchtling und plante einen Anschlag, ein englischer Banker verlor an einem Tag Milliarden und eine Schweizer Bank stürzte darob fast in den Abgrund, England verliess die EU, Europa löste sich wieder in Nationalstaaten auf, der Terrorist schlug zu, in Paris, in Nizza, in Berlin, in Istanbul. War fast froh, ging die Geschichte mit dem Held weiter, der natürlich die Terroristen zur Strecke bringen wollte und da er sah, dass auch er die Welt nur retten konnte, wenn er Präsident würde, stieg er bei einer Partei ein und machte Wahlkampf. Da musste ich die Lektüre unterbrechen, so billig und unrealistisch dieser Plot, so unsäglich dumm und so weit weg von der Realität. Ich blätterte weiter und tatsächlich, wurde der Held Präsident, er erwischte den Terrorist höchstpersönlich und mit seinem neuen Freund, der ganz zufällig der Präsident oder so ähnlich von Russland war, machte er endlich Ordnung auf der Welt.

Ich ächzte, war froh, hatte ich den Schundroman fertig und war bald zu Hause. So einen Seich hatte ich schon lange nicht mehr gelesen.

Doch als ich wieder nach draussen schaute, es war dunkel,  nur einzelne Lichter, die vorbeizogen, hatte keine Ahnung, wo zum Teufel ich war, auf die SBB war auch kein Verlass mehr, ich ging durch die Abteile, niemand da. Jetzt löschte jemand auch noch das Licht aus und ich stand da im Dunkeln, hörte das Tactac, Tactac der Räder und fuhr irgendwohin, wo ich mich nicht auskannte, nur weil vielleicht jemand eine Weiche falsch gestellt hatte.

 

 

DatumDatum31. Oktober 2016 KategorieKategorieAllgemein

Das moderne Höhlengleichnis

Da habe ich doch wieder einmal den Tatort geschaut, am letzten Sonntag im Oktober. Eine Mitbegründerin eines Start-Up Unternehmens ist mit dem Auto zu schnell in eine Kurve gefahren und ist jetzt tot und hinterlässt ratlose Mitunternehmer der Firma, die kurz vor der Lancierung von digitalen Assistentinnen steht. Und eine Tochter und eine Mutter. Es war kein Unfall.

Ja, ich schaue noch TV. Ich weiss, ich weiss, ich bin ein altmodischer Sack, schalte das TV Gerät dann ein, wenn die Sendung auch läuft, habe es nicht gerne, wenn die Kinder zurückspulen, quasi TV à la carte. Zum Beweis, wie altmodisch ich bin: ein Fotoapparat zum Fotografieren, Festnetz und ein PC zum Schreiben, ja und auch für das Internet. So habe ich letzte Woche auch ein Facebook-Account erstellt, habe sogar schon gepostet und gelikt und bin hin-und hergerissen, ob mir das gefällt und ich gerne mache oder einfach Zeitverschwendung ist. Doch ich tröste mich damit, dass ich dies jederzeit abstellen kann (kann man doch, nicht wahr?).

Jetzt bin ich abgeschweift. Zurück zum Tatort. Er hat mich gefesselt, ich war fasziniert von den Möglichkeiten dieser digitalen Assistentin namens Nessa. Sie war so echt und gerne hätte ich auch eine Hologramm Brille getragen und wäre mit ihr am Strand spazieren gegangen und hätte die mitfühlende Stimme gehört, wie sie mich fragt, ob ich denn glücklich sei und wir hätten geredet und vielleicht hätte ich versucht, ihre Hand zu halten. Doch dann wäre meine Hand ins Leere gelaufen und ohne Holobrille wäre alles leer und öde gewesen.

Wer den Tatort nicht gesehen hat, hier die Kurzform:
Vanessa hat einen tödlichen Autounfall. Ihr Start-Up Unternehmen entwickelt digitale Assistentinnen, die im Rahmen ihrer Programmierung selbständig telefonieren, sprechen, arbeiten – kurz, ein zweites digitales Ich. Vanessa ist dafür Modell gestanden. Grosse Sache, viel Geld.
So überbringen die Ermittler die Todesnachricht der Mutter von Vanessa, diese glaubt es nicht und telefoniert. Die Vanessa nimmt ab, ein Gespräch ergibt sich, die Ermittler verunsichert, müssen die Identifikation nochmals überprüfen. Die Mitbegründer des Start-Ups, der Kai, der Finanzier und der Paul, der immer noch in Vanessa verliebte Rollstuhlfahrer, sind sichtlich erschüttert. Auch der Ehemann, immer unterwegs, kommt zurück und versucht die Tochter Lili zu trösten. Wir vermuten alle, dass das zweite Ich von Vanessa, die Nessa ihre Algorithmen nicht im Griff hatte. Doch da ist der Kai, der für viel Geld die digitale Version von Vanessa für Pornoseiten verkaufte – ohne dass die anderen davon wussten, natürlich. Und der Paul hat auf Youtube gezeigt, wie er vom Computer aus Autos selber fahren liess. Also, wer hat da wen oder was manipuliert und warum. Eine digitale Fehlentwicklung oder doch das alte Lied von Macht, viel Geld, Liebe, Eifersucht.
Doch was mich am Tatort fasziniert hat: Die Wirklichkeit ist keine sichere Grösse. Die Nessa am Meer war wie die Vanessa an der See, beide fröhlich und verspielt, die Männer umschwirren die (Va)Nessa wie Motten eine Strassenlampe, sie sehen das Glück, erreichen es nicht.
Und die Tochter Lili? Sie spricht mit ihrer Mutter via Nessa-App, manchmal bevorzugt die Lili das App ihrem immer umherreisenden Vater und sie will die Tote sehen. Der Gerichtsmediziner hilflos dieser selbstbewussten Lili gegenüber, erklärt, warum Tote kalt sind und die Lili fotografiert ihre tote Mutter. Nur was auf dem Tablet festgehalten werden kann, ist wirklich?

Da kommt mir das Höhlengleichnis in den Sinn. Man kann es nachlesen: Platon hiess der Philosoph und ja, ich lese noch Bücher und keine Apps, ich blättere noch Seiten um und zurück, wenn ich etwas nochmals nachlesen will. Wie schon gesagt: altmodisch, hoffnungslos.

Natürlich: Platons Höhlengleichnis gibt’s samt Interpretation auf Wikipedia, als Trickfilm auf Youtube und, und, und.

Der Tatort – ein modernes Höhlengleichnis: Was ist die Wirklichkeit? Wer sind wir? Schattenwelt? Träumen wir und ist das die Wirklichkeit?

Das Höhlengleichnis, ein alter Text. Und immer noch die gleichen Fragen, nur unsere Möglichkeiten, Werkzeuge und Gerätchen verändern sich. Wir nicht.

 

DatumDatum15. April 2016 KategorieKategorieAllgemein

Eine Räubergeschichte

Da treffe ich eine Bekannte in der Stadt. Wir kommen ins Plaudern, trinken einen Kaffee zusammen und da ich sie nicht so gut kenne, frage ich, was sie denn früher beruflich gemacht habe. Sie sei bei der Post gewesen, antwortet sie, am Schalter. Das sei sicher interessant gewesen, die vielen Leute und so, bemerke ich. Da lacht sie und ich schaue sie fragend an. Sie nimmt einen Schluck und sagt: “Einmal wurde ich sogar überfallen.”
Die folgende Geschichte hat sich so oder ähnlich zugetragen: Es war an einem Freitag und es habe unglaublich viele Leute gehabt. Damals gab es das ganze Ticketsystem noch nicht, man hat sich noch in eine Reihe gestellt. Auch hat man mit dem gelben Postbüchlein die Einzahlungen gemacht und es lag jeweils viel Geld in den Kassen. Nachdem der grösste Ansturm vorüber war, stellte sich ein junger Mann an den Schalter, sehr nervös und er hielt ihr einen Zettel hin. Sie solle alles Geld herausgeben, das sei ein Überfall.
Sie war damals noch in der Lehre und obwohl es vorgeschriebene Vorgehensweisen in so einem Falle gab, fiel sie in ein Blackout, konnte nicht mehr klar denken. Auch war es ein anstrengender Tag gewesen und jetzt auch noch dieser Mann. So blickte sie nur kurz auf und mit dem ganzen Frust des Tages in der Stimme schnauzte sie den Mann an: “Stellen Sie sich gefälligst hinten an!” Der Mann habe sie irritiert angeschaut, habe den Zettel genommen und sei durch die Tür hinausgerannt und weg.

Ich lache laut auf, die Köpfe im Café drehen sich alle zu uns hin und jedes Mal, wenn ich sie sehe, denke ich an diese Geschichte. Stell mir vor, wie sie ärgerlich  die Lippen aufeinander presst und zischt: Stellen sie sich hinten an.

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